Solidarität : Brandopfer von Hilfe überwältigt

Einen Karton mit Büchern holte Fred Bahl gestern noch aus dem zerstörten Wohnhaus. Die Familien möchten es wieder aufbauen.
Einen Karton mit Büchern holte Fred Bahl gestern noch aus dem zerstörten Wohnhaus. Die Familien möchten es wieder aufbauen.

Fred Bahl und seine Familie aus Wittenförden haben durch ein Feuer ihre Wohnung verloren: Einwohner und Kollegen unterstützen sie

svz.de von
08. November 2014, 08:00 Uhr

In das Haus geht Fred Bahl nur schweren Herzens. Aber der 47-Jährige hat noch Sachen entdeckt, die er nach dem Wohnungsbrand in Sicherheit bringen möchte. Im Haus selbst sieht es ziemlich wüst aus: Alle Holzdecken, auch im Wohnzimmer, haben sich verzogen. Das Meerwasseraquarium mit den tropischen Fischen ist hinüber. 50 Pinsel in seiner Malecke ebenso. Das alles sind Folgen des Wohnhausbrandes. Fred Bahl, seine Frau Regina, deren Mutter und Bruder mit Familie haben binnen weniger Stunden ihre Wohnungen verloren. Das Feuer am 18. Oktober hat ihr Haus in Wittenförden komplett zerstört (SVZ berichtete). Einziges Glück: Keiner der Familienangehörigen wurde schwerwiegend verletzt.

Untergekommen sind Bahls bei Verwandten. Ebenso Fred Bahls Schwiegermutter. Und für den Schwager, der mit Frau und Kindern im Obergeschoss des Hauses gewohnt hatte, lässt die Gemeinde eine kommunale Wohnung herrichten. So lange sind die Wittenfördener bei guten Bekannten untergekommen.

Nachdem wieder ein kleines Stückchen Alltag bei den Familien eingezogen ist, ist es Fred Bahl ein Herzensbedürfnis, all jenen zu danken, die die Familien unterstützt haben. „Die Freiwillige Feuerwehr Wittenförden war schnell zur Stelle. Sie hat professionell gearbeitet. Auch die anderen Wehren aus den Nachbarorten und die Berufsfeuerwehr aus Schwerin, die mit ihrer Drehleiter kam, um den Brand besser löschen zu können – alle haben ihr Bestes gegeben“, sagt er. „Ich weiß“, fährt er fort, „dass die Feuerwehren auf dem Lande manchmal einen schweren Stand haben, wenn es um Einsatzbereitschaft, Ausrüstung oder Mitgliederzahl geht. Aber jeder sollte mal in sich gehen und darüber nachdenken, was wir ohne sie wären. Sie helfen in Not – freiwillig und ehrenamtlich. Ich jedenfalls bin heilfroh, dass wir eine freiwillige Feuerwehr haben. Die Kameraden haben meinen Respekt.“

Unmittelbar nach dem Brand standen die Nachbarn sowie Verwandte Bahls und den anderen Brandopfern zur Seite, gaben ihnen für die Nacht ein Quartier, versorgten sie mit Essen, auch wenn ihnen nicht danach zu mute war. Erstaunt war Fred Bahl über die spontane Hilfe, die ehemalige Schulkameraden initiiert hatten. Sie sammelten Geld, mehrere hundert Euro kamen so zusammen. Einen Teil der Spende nutzte die Familie, um sich Sachen zum Anziehen zu kaufen. Verwandte hatten fürs erste Kleidung aus ihrem eigenen Schrank gesucht. Auch Tage später hätten sich immer wieder Wittenfördener gemeldet und Sachen und Geld gespendet, erzählt Bahl.

Unterstützung hat der Nachrichtentechniker auch von seinem Betrieb, dem Schweriner Nahverkehr, bekommen. „Ich hätte ja am Montag wieder arbeiten müssen, wollte aber nach der Katastrophe eine Woche frei machen, um das Wesentlichste zu regeln“, blickt der Wittenfördener zurück. Er habe eine SMS geschickt und angefragt, ob er Überstunden – bereits geleistete und künftige – nehmen könne. Da habe ihm die Geschäftsleitung mitgeteilt, dass er sich darum keine Sorgen machen müsse. Er solle sich melden, wenn er wieder in der Lage ist, zu arbeiten. „Das hat mir schon mal die Spannung genommen. Denn krankschreiben lassen wollte ich mich nicht. Aber zu erledigen war eben auch viel.“

Als er nach einer Woche wieder auf Arbeit war, überreichten ihm die Kollegen ein Kuvert mit einer stattlichen Geldsumme. Damit hätte er nicht unbedingt gerechnet, sagt Fred Bahl. Aber es ist schön zu wissen, dass auch Kollegen, mit denen man nicht so eng zusammenarbeitet, uneigennützig helfen.“ Das habe ihn gerührt.

Er habe zwar versucht, sich bei allen Helfern und Spendern zu bedanken, sagt er. Aber das wolle er gern auch öffentlich machen. „In einer Notsituation nicht allein gelassen zu werden, das ist eine wohltuende Erfahrung.“

Fred Bahl rechnet damit, dass er mit seiner Familie vielleicht Ende nächsten Jahres wieder an alter und vertrauter Stätte einziehen kann. Er müsse sehen, was aus dem zerstörten Haus wird. Fest steht, dass Bahls weiterhin in Wittenförden wohnen bleiben werden. Das Haus soll wieder aufgebaut werden – in welcher Form auch immer. Und Fred Bahl, der ruhig und überlegt wirkt, möchte auch seine Malecke wieder einrichten. Über die vielen Pinsel, die Feuer und Löschwasser zunichte gemacht haben, ärgere er sich nicht so. Größer wäre der Verlust, wenn das Ölbild von Mona Lisa, das er gemalt hat, in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. So konnte es der Hobbymaler noch schnell retten. Zwei Jahre habe er schon daran gearbeitet – es ist nahezu fertig. Aber eben nur nahezu.

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