zur Navigation springen
Zeitung für die Landeshauptstadt

23. Oktober 2017 | 21:12 Uhr

Weltkulturerbe Schwerin : Bollwerk und Blickfang

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

SVZ stellt in einer Serie die einzelnen Teile des Residenzensembles vor – Teil 18: Alte und Neue Artilleriekaserne

von
erstellt am 04.Jul.2016 | 16:00 Uhr

Ehrfurchtgebietend sieht das kastellartige Gebäude am Ende des Schlossgartens aus. Ehrfurchtgebietend ist bis heute, was hinter seinen gewaltigen Mauern vor sich geht. 130 Jahre lang wurde die Anlage rein militärisch genutzt, heute sitzt hier das Finanzamt. Im Residenzensemble hat die Alte Artilleriekaserne in der Johannes-Stelling-Straße gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester, die heute die Landesbibliothek beherbergt, ihren festen Platz.

Wo ein Herrscher wohnt, da stehen auch seine Truppen – Schwerin war seit Mitte des 17. Jahrhunderts ausgesprochen militärisch geprägt, berichten die Archivare Jens Uwe Rost und Dr. Bernd Kasten in ihrer „Geschichte der Stadt“. Damals errichteten die Herzöge ein stehendes Heer und erkoren Schwerin zu ihrem wichtigsten Militärstandort. Das bedeutete auf der einen Seite Sicherheit, große Militärparaden, Platzkonzerte, schmucke Offiziere zu Pferd, marschierende Soldaten allüberall. Es bedeutet aber auch jede Menge Kosten und Unterkunftsprobleme.

Anfangs mussten die Schweriner ihre Soldaten kostenlos beherbergen, später wurden sie zwar dafür von der Stadt bezahlt – trotzdem war zu wenig Platz für das Militär. Schon 1816 wurde eine Kaserne gefordert, realisiert wurde sie erst 40 Jahre später, als die Residenz von Ludwigslust nach Schwerin zurückgekehrt war und mit ihr auch das Gardebataillon. Es herrschten politisch unruhige Zeiten und der vorsichtige Fürst konzentrierte immer mehr Truppen in seiner Stadt.

Unter der Bauleitung von Ludwig Wachenhusen entstand von 1856 bis 1861 die Artilleriekaserne, eine Anlage aus drei großen Flügelbauten, mit Türmen, Mittel- und Eckrisaliten. Im Erdgeschoss war Platz für etwa 100 Pferde, Geschütze und Wagen. Die Soldaten brachte man in Quartierstuben im Obergeschoss unter. Die Räume der Haupt- und Ecktürme waren den Offizieren, teilweise auch deren Familien vorbehalten. In den gewölbten Kellerräumen befanden sich Küche, Speiseräume, Wäschemagazin, Waschküche, Rollkammer und weitere Nebenräume. Die nicht ausgebauten Dachräume der Drempelgeschosse dienten als Trockenboden und bei Manövern als Schlafsäle.

Die Neue Artilleriekaserne gleich nebenan entstand 1897 bis 1899 als Kaserne für die IV. Abteilung des Holsteinischen Feldartillerie-Regiments Nr. 24, ist also ein „Zeugnis für die Kasernierung von Reichstruppen im Kaiserreich“, schreibt Kunsthistoriker Dr. Christian Ottersbach in seinem Welterbe-Gutachten. Mit weißen Putzflächen und Ziegelarchitektur in Neorenaissanceformen entspricht sie dem Johann-Albrecht-Stil, in dem auch das Schweriner Fridericianum und die Universität in Rostock erbaut wurden.

Was die Bollwerke heute noch bedeutsam macht, ist auch ihre Lage. Die Alte Artilleriekaserne „bildet städtebaulich den Hintergrund für den Schlossgarten“, betont Dr. Ottersbach. Malerische Blickachsen zwischen Kaserne, Schloss und Altem Garten waren wesentlich für die Auswahl des Bauplatzes. Mittelalter- und Renaissanceelemente findet der Kunsthistoriker in diesem typischen Historismus-Bau. Der orientiert sich außerdem an den preußischen Kasernen des 19. Jahrhunderts. Im Innern ist das zu erkennen an den typischen Deckenwölbungen, die auch brandschutztechnisch von Vorteil waren. Neben der Görlitzer Kaserne und dem Arsenal in Wien sei die Artilleriekaserne auf dem Ostorfer Berg eine der letzten vollständig erhaltenen Bauten ihrer Art. „Sie ist in ihrer Ambivalenz als Zweckbau, Landschaftsstaffage und Wehrbau ein typisches und authentisches Zeugnis ihrer Zeit“, so Ottersbach.

Auch in der Weimarer Republik, der NS-Zeit und in der DDR wurde die Anlage militärisch genutzt. Erst 1992 zogen die Reste der Sowjettruppen aus der Stellingstraße ab. Mit der Sanierung konnte begonnen werden. Pläne für den Einzug des Archäologischen Landesmuseums zerschlugen sich, stattdessen wurde die Alte Artilleriekaserne zum Finanzamt umgebaut. Die Remise wurde nach einer bemerkenswerten Archäologieausstellung immerhin zum Museums-Depot.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen