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Der kleine Laden im Dorf : Bockwurst, Wasser und ein Plausch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Berufung statt Beruf: Seit über zwölf Jahren öffnet Martin Liebknecht seinen kleinen Laden in Retgendorf und investiert dafür täglich 16 Stunden

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2015 | 22:18 Uhr

Früher war Martin Liebknecht ein Fliesenleger. Heute ist er Bäcker, Koch, Fleischer, Partyveranstalter, Buchhalter, Verkäufer, Seelsorger und Besitzer eines kleinen Ladens. Für viele seiner Kunden ist das Geschäft in Retgendorf Kiosk, Stehcafé, Paketannahmestelle und Treffpunkt in einem, für Martin Liebknecht ist es schlicht und einfach der Lebensmittelpunkt.

Die Nacht war kurz. Wie immer. 4 Uhr, dann klingelt der Wecker. Wer Brötchen verkaufen will, der muss früh aufstehen. Martin Liebknecht will Brötchen verkaufen, Brot auch. Das macht Sinn, wenn ein Geschäft auch den Namen Backshop im Titel trägt. Es ist noch dunkel, wenn die ersten Kunden vorbeikommen. Ein Kaffee, eine Zeitung, ein belegtes Brötchen. So läuft das Geschäft, morgens in der Seestraße in Retgendorf, in einem Dorf, das noch immer das hat, was aus vielen Ortschaften längst verschwunden ist. Den Konsum, den gibts hier schon lange nicht mehr. 2000 war Schluss. Zwei Jahre später kam Martin Liebknecht. Raus aus der Landeshauptstadt, rein in die ländliche Idylle am Ostufer des Schweriner Sees. So hat er es gewollt, so hat er es gemacht. Und er macht Essen. Mittags, Punkt 12 Uhr. Keine Bockwürstchen oder Frikadellen, die gibt es bei ihm immer. Er kocht eine richtige Mahlzeit. „Nach Vorbestellung“, sagt Martin Liebknecht und schaut in den großen Römertopf, in dem er diesmal Bierbraten für zehn Portionen garen lässt.

Die Tür geht auf. Kundschaft. Ein freundliches „Guten Tag“, ein nettes „Wie gehts“, ein bisschen „Wie stehts“. Man kennt sich, man redet, man hört zu. Im Sommer, wenn die Touristen zu den Campingplätzen am See fahren, dann wird mehr gesiezt als geduzt zwischen Postkartenständer, Fleischtheke und Schreibwarenregal. Im Sommer, da sitzen auch viele Kunden neben oder vor dem betagten Flachbau, um Kaffeepause zu machen.

Clementina Riplinger-Rieger hat es sich im Backshop bequem gemacht. Einmal in der Woche kommt sie her. Sie wohnt nicht weit weg, aber 500 Meter können lang sein, wenn die Beine nicht mehr richtig wollen. Aber mit Begleitung schafft es die 83-Jährige immer noch. „Ist doch schön, dass es hier so einen Laden gibt“, sagt sie. Ein stilles Wasser, eine Bockwurst mit Senf, vielleicht eine Neuigkeit aus dem Dorf – bei Martin Liebknecht gibt es einiges zu kaufen und manche Geschichte aus dem Ort gratis dazu. Martin Liebknecht sagt, dass es gerade solche Begegnungen sind, die er nicht mehr missen möchte. Reich, weiß er, werde er mit dem Laden nicht. Aber zum Leben reiche es. „Und für mich“, betont er, „ist das hier nicht Beruf, sondern Berufung.“ Laden hüten, Waren einkaufen, Schreibkram erledigen – für diese Berufung ist Liebknecht 16 Stunden am Tag im Einsatz. Sieben Tage die Woche, fast 52 Wochen im Jahr. Ostern- und Pfingstmontag, 1. Weihnachtstag und Neujahr – nur an diesen vier Tagen öffnet der Vater von drei Kindern seinen Backshop nicht. Zwangsweise geschlossen, das gab es zuletzt vor zwei Jahren. Elektrokabelbrand im Verkaufsraum. Qualm, Rauchvergiftung, Krankenhaus. Zwei Tage später war der Rauch weg und Martin Liebknecht wieder fit. Und im Laden.

Morgen früh klingelt wieder der Wecker. 4 Uhr. Eineinhalb Stunden später ist die Ladentür geöffnet. Kaffee, Zeitung, belegtes Brötchen. So läuft das Geschäft. Und mittags wird gekocht. Wie immer, aber nur auf Vorbestellung.

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