Doku-Zentrum in Schwerin : Blick in finstere Geschichte

Beklemmende Eindrücke: Die jugendlichen Besucher aus Ludwigslust sahen sich auch die ehemaligen Zellen am Demmlerplatz an. Guido Poltersdorf berichtete ihnen aus der Geschichte des Hauses.
Beklemmende Eindrücke: Die jugendlichen Besucher aus Ludwigslust sahen sich auch die ehemaligen Zellen am Demmlerplatz an. Guido Poltersdorf berichtete ihnen aus der Geschichte des Hauses.

Jugendliche besuchen Dokumentationszentrum und erfahren viel übers Haus aus der Zeit der Diktaturen

svz.de von
05. März 2016, 16:00 Uhr

„Wer hier einsaß, war quasi schon verurteilt“, sagt Guido Poltersdorf. Mehr als 35 Jugendliche umringen den Sachkundigen im Schweriner Landesdokumentationszentrum für die Opfer der Diktaturen in Deutschland. Die 13- bis 15-Jährigen stehen kurz vor ihrer Jugendweihe beim Kreisverband der Volkssolidarität in Ludwigslust. Als Poltersdorf von den Haftbedingungen erzählt, sehen auch die jugendlichen Besucher ein, dass Flucht hoffnungslos war. „Ein gelungener Ausbruch aus dieser Einrichtung ist nicht dokumentiert“, sagt er knapp.

In drei Diktaturen diente das Gebäude-Ensemble zwischen Obotritenring und Demmlerplatz als Gefängnis und Gericht. Nach den Nationalsozialisten nutzte der russische Geheimdienst die Einrichtung von 1945 an für Verhöre. „Die Protokolle waren zu der Zeit oft ausschließlich auf Russisch, so dass die Verurteilten später vor Gericht teils nicht wussten, dass sie gerade ihr Todesurteil unterschrieben“, erklärt Poltersdorf. Die Hinrichtungen hätten dann später in Moskau stattgefunden, Verurteilungen zum Arbeitslager wurden in Russland vollstreckt.

Wie beklemmend Gefängnisse und Gerichtshöfe auch heute noch sind, wird den Jugendlichen im Landgericht am Demmlerplatz bewusst. Während Poltersdorf sie durch das Gebäude leitet, werden zwei Angeklagte in Hand- und Fußketten und nicht viel älter als die Jugendweiheanwärter an ihnen vorbeigeführt. Polizisten begleiten den Tross. „Einige frühere Zellen wurden modernisiert und werden noch heute benutzt, um Straffällige bis zur Gerichtsverhandlung einzusperren“, erklärt Poltersdorf parallel. „Aber übernachten tut dort niemand mehr.“

Die Jugendlichen stehen inzwischen im Innenhof des heutigen Landgerichts und im Schatten der ehemaligen Haftanstalt. Undurchsichtige Scheiben versperren den Blick ins Innere. „Die gab es früher schon in anderer Form, um die Inhaftierten auch visuell von der Außenwelt abzuschirmen“, so der Experte vom Dokumentationszentrum weiter. Im Hof habe es zwei mal vier Meter große ummauerte Boxen gegeben, in denen die Häftlinge Ausgang bekamen. Den Blick in den Himmel und in die Freiheit habe dabei ein Maschendraht in quadratische Ausschnitte geteilt.

Nach der Gründung der DDR im Jahr 1949 und der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit ein Jahr später wurden die Inhaftierten mit der Zeit nur noch verdeckt in die Haftanstalt gefahren – „in Lkw mit der Aufschrift ,Obst und Gemüse‘ oder ,VEB-Fischkost‘“, so Poltersdorf. Von den Verhafteten wurden Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen. In viel zu großer Anstaltskleidung mit rutschenden Hosen, „damit sich die Inhaftierten diese ständig hochziehen mussten“, ging es noch im ersten Schock der Verhaftung zu den Vernehmungen. „Die Schweriner Bevölkerung wusste in den Jahren bis 1989, was hinter diesen Mauern passiert, aber niemand hatte konkrete Vorstellungen“, sagt Poltersdorf.

Nach ihrem Besuch im heutigen Landgericht und Dokumentationszentrum in der Paulsstadt hatten die 35 Jugendlichen auf jeden Fall deutlich mehr und spürbarere Vorstellungen von der zurückliegenden DDR-Zeit als zuvor. Wenn sie im Mai ihre Jugendweihe feiern, dann in dem Bewusstsein, dass ihre Freiheiten auf Meinung, Persönlichkeit, Unversehrtheit, eigene Wohnung und Berufswahl nicht selbstverständlich sind.

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