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Zeitung für die Landeshauptstadt

19. November 2017 | 11:44 Uhr

Ausgrabung : Blick 1000 Jahre zurück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wann immer in der Erde rund um das Schweriner Schloss gebuddelt wird, sind Archäologen des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege dabei. Sie stoßen auf Zeugnisse jahrhundertealter Siedlungsgeschichte.

von
erstellt am 11.Aug.2014 | 17:30 Uhr

Im Innenhof des Schweriner Schlosses graben sich Baggerarme tief in die Erde. Auf 42 Metern Länge durchpflügen sie den Boden, der ein modernes, unterirdisches Versorgungssystem aufnehmen soll.

Eine Baustelle. Doch keine gewöhnliche. Wer Marlies Konze vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern zusieht, spürt das.Erst recht, wenn sie ins Erzählen kommt. Vor dem inneren Auge des Zuhörers lässt sie die Zeit vor 1000 Jahren lebendig werden: Der Viehhirte, der sich am Feuer wärmt. Hühner, die am Pferdeschädel picken. Die Magd, die den zerbrochenen Krug in der Jauchegrube entsorgt. Hier stand wohl ein Stall im Inneren der einstigen Slawenburg. „Vieles spricht dafür“, sagt die Grabungsleiterin mit der gebotenen Vorsicht. Schließlich müssen die Fundstücke erst noch ausgewertet werden. Und das wird Monate dauern.

Für Archäologen ist jede Baugrube am Schweriner Schloss auch eine Fundgrube. Gebaut wird viel an diesem historischen Ort, der heute Landtag Mecklenburg-Vorpommerns, Schlossmuseum und Gastronomie beherbergt. „Uns ist bewusst, dass Tiefbauarbeiten an einem historischen Ort immer etwas Besonderes sind und wir als Bauherr große Verantwortung tragen“, sagt Landtagssprecher Dirk Lange. Deshalb würden auch archäologische Untersuchungen schon bei der Bauplanung mit eingerechnet. Seit die Bagger im Frühsommer dieses Jahres eine Tiefe von rund einem Meter erreichten, ist es für das Team um Marlies Konze interessant.

Die Grabungsleiterin nimmt jedes Detail wahr: Das Weidengeflecht, das den matschigen Inselboden wie eine trittfeste Matte überzieht. Den Pferdeschädel. Kleine Knochen, sorgfältig gespitzt wie Nadeln. Den gut erhaltenen Deckel eines Fasses. Die Feuerstelle. Scherben, deren Verzierung auf jungslawische Zeiten hinweisen. Eben jene Zeit vor einem Jahrtausend, in der der Fürstensitz in schriftlichen Quellen erstmals erwähnt wird. Was der arabische Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub um 973 beschreibt, bestätigt Bischof Thietmar von Merseburg 1018 in seiner Chronik: Die Existenz einer Burg auf der Insel im Schweriner See. Obotriten-Fürst Niklot selbst brennt seinen Besitz 1160 nieder, als sich der christliche Sachsen-Herzog Heinrich der Löwe nähert.

„Aber wir wissen beispielsweise nicht, wann die slawische Burg denn nun gegründet wurde und wie sich das Leben zuvor hier abspielte“, sagt die 55-jährige Grabungsleiterin, die Ur- und Frühgeschichte in Göttingen studierte. Die Funde aus dem Schlosshof scheinen nun die lange Funktion des geschichtsträchtigen Ortes als Herrschaftszentrum zu bekräftigen. Das könnte ein zusätzliches Plus für die Bewerbung Schwerins sein, das Schlossensemble in die Unesco-Welterbe-Liste aufnehmen zu lassen, meint Landesarchäologe Detlef Jantzen. Der Platz auf der Schlossinsel wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überbaut.

„Wir sind die Letzten, die den Originalzustand zu Gesicht bekommen. Nach uns kommen die Bagger, dann ist er zerstört“, beschreibt Marlies Konze die Verantwortung, die sie und ihr Team tragen für das kollektive Gedächtnis des Landes. „Erst, wenn wir begriffen haben, was wir sehen, kann es weg“, sagt die Archäologin. „Wir Archäologen spüren die Auswirkungen der Baukonjunktur direkt. Gibt es viele Bauaufträge haben wir viele Ausgrabungsstätten“, sagt Jantzen.

Schließlich berge der Boden zwischen Ostsee und Seenplatte 12 000 Jahre Siedlungsgeschichte. 300 bis 350 Ausgrabungen leiten die Mitarbeiter des Landesamtes durchschnittlich in jedem Jahr. Ausnahme waren die Jahre 2010 bis 2012, als allein entlang der Baustrecke der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) rund 600 Bodendenkmale untersucht wurden.

Deren Auswertung sei noch nicht abgeschlossen.„Das reicht für 30 bis 40 Doktorarbeiten“, schätzt der Archäologe. Im Schweriner Schlosshof sollen die Bauarbeiten im Frühjahr 2015 abgeschlossen sein. Marlis Konze und ihr Team werden dabei sein, bis sie auf Schichten stoßen, die wie Moore nach der Eiszeit entstanden.

Dann sei klar, dass an diesem Ort kein Mensch mehr am Werke war.

 

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