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Zeitung für die Landeshauptstadt

18. Oktober 2017 | 11:39 Uhr

Bildung in Schwerin : Bereit für 160 zweite Chancen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In der Volkshochschule holen Jugendliche und Erwachsene ihren Abschluss nach: Diesmal mit neuer Leitung im neuen Gebäude

von
erstellt am 15.Aug.2017 | 23:43 Uhr

Der größte Teil des Umzugs ist geschafft: Die Volkshochschule hat ihr Quartier im alten Schliemann-Gymnasium im Mueßer Holz verlassen und ist im ehemaligen Gagarin-Gymnasium angekommen. Ein Jahr soll sie dort bleiben, während das Gebäude im Mueßer Holz für 4,2 Millionen Euro zum Stadtteil- und Bildungszentrum umgebaut wird. Noch stapeln sich gut gekennzeichnete Kartons, Stühle, Tische und Karten im dritten und vierten Stock. Das Gebäude in der Andrej-Sacharow-Straße teilt sich die Volkshochschule im kommenden Schuljahr mit der Sprachheilschule. „Dieses Gebäude ist immerhin schon einmal saniert worden“, sagt Nurdin Thielemann lächelnd und deutet auf die Raufaserwände im Büro. „In der alten Schule hatten wir noch DDR-Tapeten und DDR-Gardinen.“ Nur ein paar Wochen hat er den Unterricht dort miterlebt: Nurdin Thielemann vertritt seit Kurzem VHS-Bereichsleiterin Susanne Kapellusch für ein Jahr.

In der Außenstelle werden vor allem Schulabschlüsse gemacht: In zwei Klassen kann die Berufsreife, in vier Klassen die Mittlere Reife erlangt werden. Als Dozenten konnte die Volkshochschule viele pensionierte Lehrer gewinnen, die jede Menge Berufserfahrung, pädagogisches und Fachwissen mitbringen. Mehr als 160 junge Männer und Frauen starten am 11. September in ihr Schuljahr an der Volkshochschule, erfahrungsgemäß wird ein nicht ganz geringer Teil auf dem Weg aufgeben. „Aber wer bis zu den Herbstferien bleibt, der schafft es meistens auch“, sagt Thielemann. Zwischen 16 und 36 Jahre alt waren die Absolventen des letzten Jahrgangs. „Ich hatte aber auch schon den Anruf eines 52-Jährigen aus Berlin, der gefragt hat, ob er in Schwerin seinen Schulabschluss nachmachen kann“, sagt Thielemann. „Er möchte sein Leben wieder in den Griff kriegen.“ Für viele VHS-Schüler sei genau das die Motivation, viele kommen aus schwierigen Lebenssituationen. Etwa ein Drittel der Schüler habe einen Migrationshintergrund. „Eine junge Frau aus Afrika, die erst seit zwei Jahren in Deutschland lebt, hat hier ihre Berufsreife mit 2,1 gemacht“, berichtet Thielemann. Das seien Leuchttürme, für die sich die Arbeit lohne. Trotzdem: „Eine sozialpädagogische Betreuung würde vielen Schülern helfen, länger am Ball zu bleiben“, meint er. „Damit könnten wir die Abschlussquote hier bestimmt noch einmal nach oben korrigieren und lebenslange Katastrophen verhindern.“

Doch nicht nur Schulabschlüsse werden in der Außenstelle nachgemacht, sondern auch berufliche Bildung angeboten. „Wir machen hier beispielsweise Teile der Fort- und Weiterbildung der Feuerwehrleute für den gehobenen und mittleren Dienst und geben EDV-Kurse für Mitarbeiter der Stadtverwaltung“, sagt Thielemann. Außerdem gäbe es Kooperationsverträge mit anderen Partnern wie Caritas oder einem Flüchtlingsverein.

Der Unterricht im kommenden Jahr wird in weniger Räumen stattfinden als gewohnt, Fachräume wird es während des Übergangs nicht geben – die sind eingelagert. „Die Klassen bleiben dann den ganzen Tag in einem Raum“, sagt Thielemann, der sich trotzdem über das neue Gebäude freut. Und auf seine Leitungsaufgabe in einem wunderbar eingespielten Apparat. „Mein Ziel ist es, nach einem Jahr den Arbeitsbereich wieder so zu übergeben, wie ich ihn übernommen habe“, sagt er.

Der 33-Jährige stammt aus der Niederlausitz, ist studierter Diplom-Soziologe und arbeitet aktuell an seiner Promotion im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Thema: männliche Fachkräfte in Kitas. Nach dem Studium an der Universität Halle-Wittenberg war er als Stipendiat in den USA und in Israel, lernte und lehrte dort. Er arbeitete in schulbezogenen Projekten in Sachsen-Anhalt, schließlich zwei Jahre als Grundschullehrer in Zeitz und Halle-Neustadt, jeweils in Stadtteilen mit vielen sozialen Problemen. „Das Unterrichten hat mir viel Spaß gemacht“, sagt er. Trotzdem sieht es so aus, als gäbe es in seinem Arbeitsfeld zurzeit vor allem befristete Stellen. „Ich bin Arbeitsnomade“, sagt er. Dieses Schicksal teilt er mit vielen jungen Akademikern in Deutschland. Und auch einen Wunsch: In nicht allzu ferner Zukunft irgendwo sesshaft zu werden.


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