Musik in der Straßenbahn : Beflügelt durch Schwerin

Sorgten für eine musikalische Straßenbahnfahrt durch Schwerin: Julian Eilenberger (l.) und Andreas Güstel. Ein Video von der außergewöhnlichen Tour gibt es unter www.facebook.com/befluegelt im Internet zu sehen.
Sorgten für eine musikalische Straßenbahnfahrt durch Schwerin: Julian Eilenberger (l.) und Andreas Güstel. Ein Video von der außergewöhnlichen Tour gibt es unter www.facebook.com/befluegelt im Internet zu sehen.

Julian Eilenberger und Andreas Güstel machen Straßenmusik, aber in der Straßenbahn lässt sich auch gut Klavier spielen

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17. November 2017, 11:45 Uhr

Julian Eilenberger steht am Marienplatz und hat drei Fahrscheine in der Hand. Einer ist für ihn. Einer für seinen Freund und Kollegen Andreas Güstel. Und einer ist für sein Klavier. Die Linie 1 rollt an. Gleich werden aus den beiden Straßenmusikern Straßenbahnmusiker. Einmal Großer Dreesch und zurück. Eine Fahrt, von der die beiden Musiker nicht wissen, was sie erwartet. Eine Fahrt, auf der sie so gespannt sind, wie Künstler es eben sind, wenn sie ein Experiment wagen.

Die Tram steht. Die Türen gehen auf. Jetzt muss alles schnell gehen. Klaviere zu transportieren, darin haben die beiden Übung. Eine dicke Spanplatte mit vier Schubkarrenrädern unter das Instrument gerollt, schon lässt es sich gut schieben durch Schwerin, Leipzig, Bonn, Hamburg, Kiel, Dresden oder überall dort, wo die Musiker sich in die Fußgängerzone setzen, um ihre selbst komponierten Stücke zu spielen. Jetzt ist nichts mit schieben. Jetzt packt einer vorne an, einer hinten. 170 sperrige Kilo. Da, wo sonst Kinderwagen und Rollatoren parken, steht jetzt ein Klavier. „Habt ihr für das Ding auch eine Fahrkarte?“, sagt ein älterer Herr und lässt seiner Frage noch ein „Na dann, legt mal los“ folgen.

Julian Eilenberger legte los, da war er fünf Jahre alt. Warum auch immer. Für den Jungen aus der brandenburgischen Provinz stand fest: Ich will Klavierspielen lernen. Vielleicht lag es daran, dass seine Eltern zu Hause klassische Musik hörten. Seine Mutter sagte: „Junge, spiel ein Jahr lang Flöte und lerne Noten. Dann bekommst Du Dein Klavier.“ Jetzt ist Julian Eilenberger 33 Jahre alt. Die Flöte hat er heute noch und sein erstes Klavier in bester Erinnerung.

Die Straßenbahn rollt an. Zwei Musiker und vier Hände, die die 36 schwarzen und 52 weißen Tasten mit einer solchen Leichtigkeit und Leidenschaft im Griff haben, dass ein trister Tag im November für viele doch noch charmant wird. Zwischen den Haltestellen Ostorf und Gartenstadt werfen die Fahrgäste die ersten Münzen in den Hut. Auch wenn das Duo bei seinen Konzerten eher Moll als Dur bevorzugt. Jetzt ist es genau umgekehrt. Im Straßenbahnwagen 801 fährt flotte Musik mit, die den Fahrgästen gefällt. „Das müsste es öfter geben“, schwärmt eine junge Frau und zückt ihr Handy. Sie ist nicht die einzige, die den außergewöhnlichen Auftritt filmt. „Das glaubt mir doch sonst keiner“, sagt sie. Auch der Straßenbahn-Fahrer wird später noch ein Foto schießen. Seit 30 Jahren fahre er durch die Stadt. Das, sagt er, habe er noch nie erlebt.

Die beiden Musiker strahlen. Das ist solch ein Moment, da wissen sie, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen haben. Vor zehn Jahren haben sie sich beim Theaterspiel kennen gelernt, seit 2014 treten sie gemeinsam unter dem Namen „Be-flügelt“ auf, spielen Klaviermusik à la Yann Tiersen und Ludovicio Einaudi gepaart mit Poesie und Anekdoten. „Es läuft immer besser. Unsere Konzerte sind fast immer ausverkauft“, sagt der Musikwissenschaftler Andreas Gützel (36), der in Leipzig wohnt.

Die Bahn rauscht an den Dreescher Plattenbauten vorbei. „Das ist surreal. Ich schaue aus dem Fenster und alles bewegt sich“, sagt Julian Eilenberger, der seine Stücke auswendig kennt. Er hat viel geübt. Früher wie heute. Nur hatte es damals lange gedauert, bis er an den richtigen Klavierlehrer kam, der erkannte: Der Julian, der will doch einfach nur spielen.

Jetzt spielt er. Beflügelt in einer Straßenbahn in Schwerin. In der Stadt, in der er seit zwei Jahren lebt. In der er oft einen Kaffee, eine Suppe oder ein Lob bekommt und in der er mit den Leuten ins Gespräch kommt. „Ein tolles Publikum“, steht für ihn fest.

Schulkinder stürmen in die Straßenbahn. Hier wird geklatscht? Was ist da los? Sie drängen sich vor zum Klavier. Endlich ist was los auf der sonst so langweiligen Fahrt. Einer der Burschen steckt einen Euro von seinem Taschengeld in den Hut.

Zurück am Marienplatz. Abbauen, aussteigen, durchpusten. „Eine unglaubliche Tour“, sind sich die Musiker einig. Eine Frau hat zwei Straßenbahn-Tickets gesponsert. „Dann könnt Ihr ja wieder kommen“, ruft sie zum Abschied. Jetzt brauchen die Komponisten nur noch ein Ticket für das Klavier. Oder für einen Flügel, denn mit dem wollen sie auch bald durch die Städte ziehen.

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