Schwerin : Aus Hilfe wird ein Miteinander

Im „Paule“ ist es ruhiger geworden: Martin Willing (l.) begrüßt am frühen Abend vor allem ehrenamtlich engagierte Jugendliche im Keller. Erst wird gespielt, dann gekocht.
Im „Paule“ ist es ruhiger geworden: Martin Willing (l.) begrüßt am frühen Abend vor allem ehrenamtlich engagierte Jugendliche im Keller. Erst wird gespielt, dann gekocht.

Welcome Cafés waren in Schwerin erste Anlaufstellen für Flüchtlinge: Wie arbeiten sie, nachdem der Flüchtlingsstrom abgeebbt ist?

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31. März 2018, 05:00 Uhr

Die Herzen waren weit offen und die Hilfsbereitschaft groß: In so genannten Welcome Cafés wurden die vielen hundert Flüchtlinge, die 2015 und 2016 Schwerin erreichten, willkommen geheißen. Die große Flüchtlingswelle ist verrauscht. Nach aktuellen Statistiken lebten Ende vergangenen Jahres in Schwerin etwa 2600 Flüchtlinge, zum großen Teil mit ihren Familien. Sie sind angekommen in diesem Land – doch die Welcome Cafés gibt es noch, am Berliner Platz, in der Galilei-Straße, der Hamburger Allee, in der Lübecker Straße, der Pfaffenstraße und Am Packhof. Auf der Homepage der Schweriner Flüchtlingshilfe kann man sie mit Adresse und Telefonnummer finden. SVZ fragte nach: Braucht Schwerin diese Willkommens-Stätten noch?

Ins Youth Welcome Café im Paulskirchenkeller sind vor zwei Jahren jeden Dienstag zwischen 16 und 22 Uhr mindestens 100 Leute gekommen, erinnert sich Martin Willing. Der junge Sozialarbeiter, der bei der Sozialdiakonischen Arbeit – Evangelische Jugend angestellt ist, zählt an diesem Dienstag gegen 17 Uhr gerade mal fünf Gäste, darunter drei Ehrenamtliche. Sie kommen regelmäßig, organisiseren Konzerte und andere Veranstaltungen, kochen, spielen, sind Ansprechpartner und geben dem „Paule“ den besonderen kultigen Charme. „Paule ist das, was du daraus machst“, lautet das Motto.

Im Herbst 2015 wollten die Jugendlichen den Flüchtlingen helfen, die so zahlreich in Schwerin ankamen, hier niemanden kannten, weder die Sprache noch die Gepflogenheiten beherrschten. Über die sozialen Medien und über die Bahnhofsmission verbreitete sich die Nachricht, dass dienstags im Kirchenkeller immer was los ist. „Wir haben viel gekocht, gemeinsam Fastenbrechen gefeiert, mit Händen und Füßen kommuniziert, Musik gespielt, ein Videoprojekt initiiert, einander kennen gelernt“, sagt Martin Willing. „Das war total anstrengend, aber auch total cool.“ Freundschaften seien entstanden, ein paar Brocken Arabisch seien bei vielen Deutschen hängengeblieben. Viele Syrer hätten mithilfe ihrer Paule-Freunde gut Deutsch gelernt. Dann ließ der Ansturm nach.

„Wir sind in eine andere Phase des Miteinanders getreten“, sagt Olaf Hagen, Bereichsleiter Jugendsozialarbeit bei der Evangelischen Jugend. „So sind der Paule und noch stärker die Straßensozialarbeit nach wie vor beliebte Anlaufpunkt auch für die jungen Leute, die als Geflüchtete nach Schwerin gekommen sind. Aber das Miteinander ist inzwischen eher gelebter Alltag statt permanentes Welcome. Die jungen Geflüchteten sind inzwischen anders, besser, intensiver hier angekommen, haben Sprach- und Integrationskurse absolviert oder stecken mittendrin. Sie besuchen die Schule, machen eine Ausbildung oder bereiten sich auf ein Studium vor, sind in Vereinen oder als Ehrenamtliche aktiv, stecken in Jobs und haben sich neue Freundeskreise erschlossen. Es geht aus unserer Sicht also nicht mehr so sehr um ein Welcome, sondern eher um ein immer wieder neu zu gestaltendes Miteinander.“

Im Stadtteiltreff Eiskristall am Berliner Platz öffnet jeden Montag von 15 bis 18 Uhr das Welcome Café – übrigens das erste seiner Art in Schwerin. Getragen wird es vom Verein „Die Platte lebt“, bekommt Fördergeld über die Flüchtlingshilfe. Hier werden auch heute noch in bewährter Manier die großen und kleinen Probleme des neuen Alltags gelöst. „Inzwischen kommen viele Menschen aus Afghanistan zu uns, auch ältere Frauen“, sagt Vereinsvorsitzende und Stadtteilmanagerin Hanne Luhdo. „Uns gehen eher die Helfer aus, denn an jedem der vielen Tische hier im Welcome Café soll mindestens einer sitzen.“ In erster Linie gehe es den Flüchtlingen darum, ihr Deutsch zu verbessern, manche lernen überhaupt erst einmal lesen oder schreiben. Sprach-Fibeln gibt es im Eiskristall schon längst. Mit denen wird montags gerne gearbeitet. „Die Besucher bringen aber auch offizielle Schreiben mit, zum Beispiel vom Jobcenter oder ihrem Telefonanbieter, die sie nicht verstehen. Und wir helfen weiterhin bei Fragen nach Kita- oder Schulanmeldungen“, sagt Hanne Luhdo. Im Herbst habe man das Welcome-Angebot kurzzeitig auch auf den Sonnabend ausgeweitet, aber da stießen die ehrenamtlichen Helfer an ihre Grenzen. „Wir laden jetzt jeden letzten Sonnabend im Monat zum Kultur-Café ein“, so die Vereins-Chefin. Seit Kurzem trifft sich jeden Freitag um 17 Uhr eine Kulturgruppe, zu der zehnjährige Mädchen aus Syrien und Afghanistan genauso gerne kommen wie deutsche Damen über 70. Gemeinsam studieren sie gerade eine Choreografie zum Schwerin-Lied ein, die sie beim Tanz der Kulturen am 30. April auf dem Markt zeigen wollen.

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