Pflege gestrichen : Auf einmal sagt die Krankenkasse Nein

Eva und Alfred Neumann fühlen sich von ihrer Krankenkasse im Stich gelassen.
Eva und Alfred Neumann fühlen sich von ihrer Krankenkasse im Stich gelassen.

Sechs Jahre lang gabs Geld – jetzt soll die an Parkinson erkrankte Eva Neumann aus Lübstorf ihre Pflege selbst bezahlen

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04. September 2015, 21:00 Uhr

Die Blätter rascheln in ihren Händen. Eva Neumann ist aufgeregt. In solchen Momenten ist es ganz besonders schlimm. Sie kann die Arme nicht ruhig halten. Die Diagnose Parkinson bekam die Lübstorferin vor zehn Jahren. „Es ist mir unangenehm. Ich war auch schon seit Jahren nicht mehr aus dem Haus. Es geht einfach nicht“, sagt sie traurig und versucht, die Papiere der DAK-Krankenkasse zu sortieren. Was auf diesem Papier steht, bringt die 81-Jährige derzeit immer wieder den Tränen nah. „Die Krankenkasse hat mir jetzt die häusliche Krankenpflege gestrichen. Und das nach mehr als sechs Jahren“, erzählt Eva Neumann. Denn bisher wurden die Pflegeleistungen des Krankendienstes immer bewilligt – Jahr für Jahr. Doch plötzlich gab es eine Absage. „Warum sie das von heute auf morgen gestrichen haben, kann ich mir nicht erklären. Mein Zustand ist schlechter statt besser geworden“, sagt die Seniorin.

Morgens und abends ist sie auf die Hilfe der Pflegekräfte angewiesen: Blutzuckerwert messen, Insulin spritzen sowie Kompressionsstrümpfe an- und ausziehen. Sie selbst kann es nicht. Ihr Mann ist schwer krank. „Er hat Darmkrebs, ist auf einem Auge blind und auf dem anderen hatte er bereits zweimal eine Netzhautablösung“, sagt die Lübstorferin. Im Schreiben von der Krankenkasse wird sie aufgefordert, diese Arbeiten durch Angehörige machen zu lassen. „Ich habe niemanden. Soll ich mich etwa an die Straße stellen und fremde Leute fragen?“, fragt sie sarkastisch. Ihr Sohn wohne zwar im Haus, habe aber einen Job, der ihm das zeitlich gar nicht ermögliche. „Er macht schon, was er kann – teilt mir jede Woche die mehr als 100 Tabletten für jeden Tag in die Tablettenbox. Er kann doch für mich nicht seine Arbeit aufgeben“, sagt Eva Neumann. Das Wasser steigt ihr in die Augen.

„Die Krankheit ist doch schon Strafe genug. Ich frage mich, womit ich das alles verdient habe?“, sagt sie und erzählt dann aber von den schönen Zeiten. 1957 kam sie nach Lübstorf, absolvierte zuvor ein Germanistikstudium in Erfurt. Für die junge Lehrerin kam wenig später das Fach Kunsterziehung dazu. „Nach der Wende habe ich dann eine Weiterbildung gemacht und auch noch Englisch unterrichtet. Das waren schöne Zeiten“, sagt sie und ein leichtes Lächeln kehrt in ihr Gesicht zurück. Bis zum 60. Lebensjahr habe sie gearbeitet.

Vor 15 Jahren kamen die ersten Anzeichen. Das Zittern fing leicht an, wurde dann aber schnell immer stärker. „Meine damalige Ärztin meinte, es sei das Alter. Doch 2005 kam die eindeutige Diagnose: Parkinson. Später auch noch ein Tumor im Kopf. Nicht operabel.“ Auch der Körper von Eva Neumann hat sich seitdem stark verändert. Das Laufen fällt ihr schwer. Die Organe arbeiten nicht richtig. Auch die Stimme wird schwächer. „Und jetzt versagt man mir noch das bisschen an Unterstützung, das weder ich noch meine Familie leisten kann. Warum nur?“, fragt sie sich immer wieder.

Auch ihr Hausarzt Dr. Alexander Dagge ist etwas ratlos: „Ich habe nicht nur ein ärztliches Gespräch mit der Krankenkasse geführt, sondern die Notwendigkeit auch in einem Brief schriftlich erklärt“, sagt der Lübstorfer. Aber die erneute Ablehnung der Leistung kam prompt.

Der zweite Widerspruch liegt derzeit der DAK-Krankenkasse vor. So lange das Verfahren nicht endgültig entschieden ist, kommen die Schwestern des Pflegedienstes noch täglich zu Eva Neumann. „Sie lassen mich nicht im Stich. Das ist so lieb. Ich bin ihnen wirklich sehr dankbar.“

Bei der DAK heißt es auf Nachfrage der Redaktion: „Wir werden den Fall noch einmal prüfen. In den nächsten Tagen ist mit einer Entscheidung zu rechnen.“





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