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Zeitung für die Landeshauptstadt

23. November 2017 | 05:03 Uhr

Brüsewitz : Auf der Jagd nach Genproben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Für Erbgut-Untersuchungen im Rosenower Wald stehen Douglasien unter Beschuss

svz.de von
erstellt am 16.Jan.2015 | 23:14 Uhr

Dr. Bernhard Hosius und Friedrich von Baumbach streifen durch den Wald. Sie sind keine Spaziergänger, auch die Pilzsaison ist längst vorbei. Ein Gewehr haben sie dabei. Eine Spezialflinte mit Zielfernrohr und monströsem Schalldämpfer. Kaliber 12. Sie schießen damit in kurzen Abständen. 50-mal und mehr, mit Patronen, die voller Stahlschrot stecken. Die Ziele hängen hoch oben in den Baumkronen. Ihre Beute: ein roter Beutel voller Zweige. Was machen diese Männer da  ? Kurzum: Der Doktor und sein Mitarbeiter sind auf der Jagd. Auf der Jagd nach Genproben.

Der Rosenower Wald im Revier Friedrichsthal: An diesem feuchtkalten Januarmorgen traut sich kein Wanderer auf die schlammigen Forstwege. Dr. Bernhard Hosius und Friedrich von Baumbach haben ihre Ruhe – und visieren ihre Ziele an. 35, vielleicht 40 Meter sind die Douglasien in den vergangenen 85 Jahren in die Höhe geschossen. Jetzt fällt ein Schuss. Ein paar Zweige fallen zu Boden. Die Knospen, die an ihnen wachsen, darauf haben es die Wissenschaftler abgesehen. Darum sind sie extra aus Niedersachsen gekommen. Ihr Auftraggeber: Die Landesforst Mecklenburg-Vorpommern, Abteilung Versuchswesen. Ihre Aufgabe: Unter anderem im Forstamt Radelübbe aus drei Douglasien-Beständen Untersuchungsmaterial gewinnen und beproben. „Um repräsentative Ergebnisse zu bekommen, brauchen wir aus jedem Bestand rund 50 Proben“, sagt Forstgenetiker Hosius.

Gemeinsam mit einem Partner betreibt Hosius im Institut für Forstgenetik der Universität Göttingen das Unternehmen Isogen. Dort werden die Proben in Kürze auch auf ihre Genvielfalt untersucht. „Eine große genetische Vielfalt ist die Basis für die Anpassungsfähigkeit der Wälder an sich ändernde Umweltbedingungen. Je größer die genetische Vielfalt, umso besser“, sagt der Experte. Vornehmlich bundesweit unterwegs ist er mit seinem Team, macht genetische Inventuren, überprüft und zertifiziert Samenplantagen, berät und unterstützt Natur- und Umweltschutzprojekte oder beprobt und gewinnt eben Untersuchungsmaterial von Beständen aller Baumarten und Baumhöhen.

Dr. Bernhard Hosius lässt einen Zweig durch seine Finger gleiten. Zwischen den grünen Nadeln sind ameisengroße Blüten zu sehen. Ist das so früh im Jahr der Fall, „dann gibt es eine gute Ernte“.

Gute Ernte, das hört Dr. Christof Darsow gerne. Die Zapfen der Bäume, die jetzt bis zum Herbst reifen und danach gepflückt werden, sind für den Leiter des Forstamts Radelübbe besonders interessant. In ihnen steckt der Samen, der sich gut verkaufen lässt. Hohe Qualität gleich hoher Ertrag. „Und als Anbieter von gutem Saatgut wird auch der Ruf des Forstamts gesteigert“, weiß der Forstamtsleiter. Zudem wird der Samen der Zapfen auch benötigt, um neue, anpassungsfähige Baumbestände über Jahrzehnte wachsen zu lassen. Dafür wird der beste, genetisch vielfältigste Samen gesucht. Und dafür schießt letztlich Friedrich von Baumbach an diesem Tag mit seiner Flinte in die Kronen der Douglasien.

Hätte das Gewehr nicht diesen verstärkten Bleikolben, dann hätte von Baumbach nach wenigen Schüssen eine blaue Schulter. „So gibt es keinen Rückschlag“, sagt der 46-Jährige. Das ist gut, denn das Isogen-Team untersucht pro Saison 3000 Proben aus über 100 Beständen. Manchmal werden auch Genproben von Sträuchern gebraucht. Dann bleibt die Büchse stumm , aber der rote Beutel, der ist trotzdem voll.

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