Senioren haben den Test gewagt : Alter schützt vor Liebe nicht

froschkönig

Ist es möglich, sich nach nur 36 Fragen und vier Minuten Blickkontakt in einen Fremden zu verlieben? Die SVZ-Leser Anna und Horst, beide über 80, wagten das Experiment.

von
27. Januar 2016, 12:00 Uhr

Horst muss sich erst einmal setzen. Ein wenig aufgeregt und mit feuchten Handflächen wartet er vor dem Parkcafé am Lewenberg. Mehrfach wandert sein Blick suchend über das großzügige Parkgelände. In seinem schicksten Zwirn möchte er heute Anna kennenlernen – obwohl er sie noch nie gesehen oder gesprochen hat.

Auch sonst wird dieses erste Kennenlernen alles andere als gewöhnlich. Denn Horst (86) und Anna (81, vollständige Namen der Redaktion bekannt) haben ein Alter erreicht, in dem sich die Partnersuche immer schwieriger gestaltet. Sei es aufgrund fehlender Mobilität, schlechterem Hör- und Sehvermögen oder einfach, weil die Flirtkenntnisse im Laufe der Jahre doch etwas eingerostet sind. Die beiden Schweriner sehnen sich nach Partnerschaft und Zweisamkeit, weil sie ihre eigentlichen Partner fürs Leben schon verloren haben. Sie erklärten sich bereit, sich auf eine ganz eigenwillige Art kennenzulernen – indem sie sich gegenseitig 36 vorgegebene Fragen beantworten.


Im Namen der Wissenschaft

Diese stammen aus der Feder des amerikanischen Psychologen Arthur Aron. Er beschäftigte sich lange mit der Frage, wie zwei Menschen zu einander finden. Ergebnis seiner Studien war ein Fragebogen. Seine Theorie: Beantworten zwei Fremde sich die Fragen gegenseitig und schauen sich danach vier Minuten lang in die Augen, verlieben sie sich in einander – Klingt im ersten Moment komisch? Definitiv.

Das Prinzip dahinter ist schnell erklärt. Die 36 Fragen beginnen sehr allgemein, werden dann aber schnell intim. So teilen die Gesprächspartner Ereignisse und Gefühle miteinander, deren Offenbarung sonst Wochen wenn nicht Monate dauert. Dabei ist es unwichtig, ob beide einer Meinung sind, allein auf die Öffnung gegenüber dem Gesprächspartner kommt es an. Die so entstandene emotionale Basis begünstigt dann das Entstehen von Gefühlen. Oder zumindest kommen sich die Gesprächspartner so nahe, dass sie Sympathien für einander entwickeln. Im Rahmen von Arons Experimenten sind aus dieser Verbundenheit sogar Partnerschaften und Ehen geworden. Bei Anna und Horst auch?


Fragen über Fragen über Fragen
 

Endlich hat das Warten für den 86-Jährigen ein Ende. Anna ist da. Und auch wenn die erste Begrüßung etwas verhalten ausfällt denken sich beide: „Was kann schon passieren?“ Schnell ist ein gemütlicher Platz am Fenster gefunden, der Kaffee bestellt und die erste Anspannung verflogen. Das Kennenlernen kann beginnen.

Schon nach den ersten Fragen – zum Beispiel, ob sie gerne berühmt wären – tun sich kleine Gemeinsamkeiten auf. So teilen beide die Leidenschaft für das Singen. Horst tut es zweimal die Woche im Chor, Anna auch gerne mal für sich. Eine Lieblingsmusikrichtung haben sie nicht. „Wir hören alles querbeet“, sind sie sich einig. Da fällt es schnell leichter, auch persönliche Erlebnisse aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen zu erzählen. Viel mehr als es bei einem normalen ersten Treffen der Fall wäre. Trotzdem ist die Nervosität bei beiden noch nicht ganz verflogen. Sonst würden sie wohl nicht immer wieder unter dem Tisch mit den Füßen scharren.

Kaum fassen können die Ü80-Jährigen, dass sie beide Wassermänner sind und ihren Geburtstag am gleichen Tag feiern. Zufall? Bestimmung?
Gebannt folgen sie nun den Ausführungen des anderen. Horst berichtet von seiner Ausbildung zum Schriftsetzer, Anna erzählt von ihrer Tätigkeit als Reisekauffrau. Ab und an hat Horst mit dem Hören Probleme. Das gehöre im Alter eben dazu, entschuldigt er sich ein paar Male. Aber: Annas Antworten scheinen trotzdem stets bei ihm anzukommen.

Viel zu schnell ist der 36-Fragen-Katalog abgearbeitet und viele Gemeinsamkeiten haben sich aufgetan. Nun geht es darum, sich vier Minuten lang in die Augen zu sehen. Das Gekicher ist auf beiden Seiten groß. Etwas befremdlich fühle es sich an, doch schnell kommen Anna und Horst wieder ins Gespräch, lockern die Atmosphäre auf. Und nun? Hat Amor seinen Pfeil verschossen? Haben die beiden sich tatsächlich verliebt?


Ein bisschen mehr als Freundschaft?

Nein, verliebt haben sie sich nicht in einander. Dafür reichen zwei Stunden nicht. Aber Anna und Horst sind sich näher gekommen. Wahrscheinlich wegen der vielen ähnlichen Erlebnisse, die sie in ihrem Leben durchgemacht haben. Vom Krieg über die trotzdem sehr glückliche Kindheit bis hin zum schmerzlichen Verlust des geliebten Partners.

Ein Band der Freundschaft und Verbundenheit konnten sie in den kurzen Stunden knüpfen – und fühlen sich nun etwas weniger allein. Sie sind sich einig, dass sie sich nicht aus den Augen verlieren wollen. Und wer weiß, vielleicht werden die beiden ja doch noch ein Paar. Dann aber in ihrem ganz eigenen Tempo...

Zum ausprobieren: Mit diesen 36 Fragen vielleicht die große Liebe finden

1. Wenn Sie eine Person weltweit zum Essen einladen könnten, wer wäre es?

2. Wären Sie gerne berühmt? Wenn ja, auf welche Art?

3. Bevor Sie zum Telefon greifen, proben Sie, was Sie sagen wollen? Warum?

4. Wie würden Sie einen perfekten Tag beschreiben?

5. Wann haben Sie zuletzt für sich  gesungen? Wann für jemand anderen?

6. Wenn Sie 90 Jahre alt werden könnten und ab dem 30. Lebensjahr  den Körper oder den Geist eines 30-Jährigen  behalten könnten, was würden Sie wählen?

7. Haben Sie eine geheime Vorahnung, wie Sie sterben werden?

8. Nennen Sie drei Dinge, die Sie und Ihr Gegenüber offenbar gemeinsam haben.

9. Wofür in Ihrem Leben sind Sie dankbar?

10. Wenn Sie irgendetwas an Ihrer Erziehung ändern könnten, was wäre das?

11. Versuchen Sie , Ihrem Partner in vier Minuten so viel von Ihrer Lebensgeschichte  zu erzählen, wie möglich.

12. Wenn Sie morgen mit einer zusätzlichen Fähigkeit oder Eigenschaft aufwachen könnten, welche wäre es?

13. Wenn eine Kristallkugel Ihnen die Wahrheit über Sie, Ihr Leben, die Zukunft oder etwas anderes verraten könnte, was würden Sie wissen wollen?

14. Gibt es etwas, von dem Sie schon  lange träumen? Warum haben Sie es nicht getan?

15. Was würden Sie als die größte Leistung Ihres Lebens bezeichnen?

16. Was schätzen Sie an einer Freundschaft am meisten?

17. Was ist Ihre wertvollste Erinnerung?

18. Was ist Ihre schlimmste Erinnerung?

19. Wenn Sie wüssten, dass Sie in einem Jahr sterben, würden Sie etwas an Ihrem derzeitigen Leben ändern? Wenn ja, warum?

20. Was bedeutet Freundschaft für Sie?

21. Welche Rolle spielt Liebe  in Ihrem Leben?

22. Erzählen Sie sich abwechselnd, welche positiven Eigenschaften Ihr Gegenüber hat.

23. Wie nahe steht sich Ihre Familie? Hatten Sie eine glückliche Kindheit?

24. Wie ist die Beziehung zu Ihrer Mutter?

25. Machen Sie drei  „Wir“-Aussagen.

26. Vervollständigen Sie diesen Satz: „Ich wünschte, ich hätte jemanden, mit dem ich ... teilen könnte.“

27. Was sollte Ihr Partner  über Sie wissen?

28. Sagen Sie Ihrem Gegenüber, was Sie an ihm mögen. Seien Sagen Sie auch Dinge, die Sie normalerweise niemandem sagen würden, den Sie gerade kennengelernt haben.

29. Teilen Sie einen peinlichen Moment aus Ihrem Leben mit Ihrem Gegenüber.

30. Wann haben Sie zuletzt vor jemandem geweint?

31. Erzählen Sie Ihrem Gegenüber, was Sie   an ihm mögen.

32. Was  ist Ihnen zu ernst, um Witze darüber zu machen?

33. Wenn Sie heute Abend sterben würden, ohne die Möglichkeit, mit irgendjemandem zu sprechen: Was würden Sie am meisten bereuen, jemandem nicht gesagt zu haben? Warum haben Sie es noch nicht gesagt?

34. Ihr Haus, in dem sich alles befindet, was Sie besitzen, steht in Flammen. Nachdem Sie  Familie und Haustiere gerettet haben, reicht die Zeit noch aus, um eine Sache aus dem Haus zu retten. Welche wäre es und warum?

35. Von alle Mitgliedern Ihrer Familie, wessen Tod würde Sie am meisten treffen?

36. Teilen ein persönliches Problem mit Ihrem Partner und fragen Sie ihn, wie er es lösen würde.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen