Schwerin: Jubiläum hinter Brett und Plane : Alte "Schauburg" vor 100. Geburtstag

Verhüllt und verbarrikadiert: Die 100-jährige 'Schauburg' ist de facto bereits aus dem Stadtbild verschwunden.Klawitter
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Verhüllt und verbarrikadiert: Die 100-jährige "Schauburg" ist de facto bereits aus dem Stadtbild verschwunden.Klawitter

Diesen Monat feiert Mecklenburgs erstes Lichtspielhaus Geburtstag. Vor 100 Jahren ist die Schauburg eingeweiht worden. Doch ein Fest wird es nicht geben. Seit 1995 der Kinobetrieb eingestellt wurde, steht das Haus leer.

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30. September 2012, 05:15 Uhr

Altstadt | Am 13. Oktober 1912, einen Tag nach der Eröffnung mit großherzoglicher Prominenz und den Honoratioren Schwerins, lud das erste Filmtheater im Norden das Volk ein. "Goldfieber", ein Drama in drei Akten, wurde gegeben. Aber auch weitere Kurzfilme wie "Moritz und der Hund der Baronin", "Lehmann und der Harem" und auch das leicht frivol klingende Stück "Fritzchen und die schöne Nachbarin" begeisterten das Premierenpublikum in der Kaiser-Wilhelm-Straße 53. Die "Schauburg" - den Namen erhielt das Haus erst 1929 - war geboren, Schwerins "Kinematographisches Theater", das erste Lichtspielhaus.

In wenigen Tagen kann das einstige Vorzeigekino 100-jähriges Bestehen feiern. Doch ein Fest wird es nicht geben. Seitdem 1995 der Kinobetrieb eingestellt wurde - und zum Entsetzen zahlreicher Cineasten kurzzeitig ein so genannter Schnäppchenmarkt ins Denkmal einzog - steht das einstmals ehrwürdige Haus seit nunmehr 16 Jahren leer.

Die Firma Peek & Cloppenburg wollte auf dem Areal zwischen Goethe-, Geschwister-Scholl- und Mecklenburgstraße ein Textilkaufhaus errichten, als vom Schlosspark-Center gerade erst die Rede war. Das Vorhaben hat sich bekanntlich zerschlagen. Doch erst jetzt hat die Bartel KG aus Hamburg, die Immobilienbeauftragte von P&C, das Gelände abgegeben. Käufer ist eine türkischstämmige Familie aus Berlin, die über ein in Schwerin lebendes Familienmitglied auf den Komplex aufmerksam gemacht wurde. Havi und Nuber Doganay betreiben gemeinsam mit Sohn Musa Christian einen erfolgreichen Gewürzhandel mit Niederlassungen in Esslingen und Schwerins Partnerstadt Wuppertal. Dass sie ausgerechnet das geschichtsträchtige Kino wiederbeleben wollen, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Noch ist nach SVZ-Informationen allerdings kein Bauantrag an die Stadt gestellt worden. Auch das Konzept der Investoren ist noch nicht bekannt. Fakt ist nur: Da das Areal nicht im städtischen Sanierungsgebiet liegt, fließen keine Fördermittel. Und die "Schauburg" steht seit 2010 auf der Denkmalliste der Stadt.

"Das ehemalige Kino ist als erstes Lichtspielhaus insgesamt schützenswert", macht Stadtplaner Dr. Günter Reinkober deutlich. Die Fassade mit Kolossalpilastern und Gesims sei ebenso erhaltenswert. Im Juni habe es dazu bereits Gespräche mit den Käufern gegeben - sie wüssten um die besondere Bedeutung des Hauses für Schwerin, verdeutlichte Reinkober auf SVZ-Anfrage. Und der Amtsleiter gibt zu, dass es dabei in den vergangenen Jahren auch einen Sinneswandel in der Stadt gegeben habe - nachdem Landesdenkmalpfleger und prominente Filmemacher sich für die "Schauburg" stark gemacht haben. "Wir haben mehrfach den Altbesitzer zur Sicherung des Bestandes aufgefordert", sagt Reinkober. Peek & Cloppenburg sicherte die Fassade, stellte einen Bauzaun auf.

Aber das Unternehmen ließ auch über die Bartel KG ein Hannoveraner Ingenieurbüro den Zustand der Immobilie analysieren - mit einem ziemlich vernichtenden Urteil für den historischen Kinosaal. "Der zerfällt", bilanziert Reinkober knapp. Aus seiner Sicht müsste neben der am Expressionismus der 1920er-Jahre orientierten Fassade, die 1958 durch den Architekten Hermann Struve umgebaut wurde, zumindest auch der Eingangsbereich des einstigen Kinos erhalten bleiben. Schließlich hätten auch die Umbauten in den 50ern der "Schauburg" eine wichtige historische Schicht hinzugefügt. Und die praktisch nicht vorhandene Trennung von Rang und Parkett sowie die fehlende Empore im Zuschauerraum machen auch das Innere nahezu einzigartig. Gleiches gelte für ein Haus in der Nachbarschaft der "Schauburg": "Die Backsteinstruktur der Geschwister-Scholl-Straße sollte erhalten bleiben", sagt Reinkober. Allerdings: Die direkt neben der "Schauburg" stehende alte Feuerwache könne abgerissen werden. Eine Genehmigung dafür wurde bereits vor Jahren erteilt. Dennoch nimmt der Amtsleiter allen in Schwerin kursierenden Gerüchten den Wind aus den Segeln: "Wir haben keine Abrissgenehmigung für die ,Schauburg erteilt oder etwa das Gebäude von der Denkmalliste gestrichen."

Für engagierte Schweriner, die seit mehr als sechs Jahren für die Wiederbelebung der "Schauburg" kämpfen, dürfte das Balsam für die Ohren sein. Sie wissen die Denkmalpfleger weiter auf ihrer Seite, sind jedoch auch realitätsnah genug zu sehen, dass die Wegweiser für die Zukunft nicht von ihnen gestellt werden. Amtsleiter Reinkober sagt: "Wir müssen sehen, welches Konzept die Käufer haben und wie sie mit dem erhaltenswerten Bestand umgehen wollen." Erst danach gehe es gemeinsam mit den Landesdenkmalpflegern um eine Entscheidung. Einen Trumpf hat die Stadt dabei noch im Ärmel: Für eine für das Gesamtareal strategisch wichtige Immobilie, die zuletzt von Schlecker genutzt wurde, hat Schwerin die Verfügungsgewalt. Warum dieses Grundstück so wichtig werden kann, hatte Schwerins Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorff schon mit seinen Visionen für das Areal um die "Schauburg" formuliert, die er sich aus Berlin abgeguckt hat: einen Kultur-und-Wohn-Bereich nach Vorbild der Hackeschen Höfe.

Und das am besten mit Kino, so die Kämpfer für das einstige Lichtspielhaus. "Sofortmaßnahmen zur Erhaltung sind dringend geboten, um das für die ehemalige Residenzstadt einzigartige Zeugnis einer faszinierenden Kinokultur nicht weiter zu gefährden", so Filmemacher Wim Wenders. "Ein Ort wie die ,Schauburg, der Geschichten von Menschen erzählt, die ihn gern und häufig aufgesucht haben, muss bewahrt und beschützt werden", schrieb Wenders im vergangenen Jahr an Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow. "Darum bitte ich Sie persönlich." Die Unterstützerliste Prominenter für das nunmehr fast hundertjährige Haus ist lang. Sie reicht vom Oberindianer Gojko Mitic über Filmkunstfest-Ehrenpreisträgerin Katharina Saß und Eva-Maria Hagen bis hin zu Katharina Thalbach, Hilmar Thate, Rolf Losanski, Angelika Domröse und Regisseur Andreas Dresen.

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