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Flucht aus Ostpreussen : Alte Heimat bleibt unvergessen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute vor 70 Jahren wurde Erika Neumann als Vierjährige zum Kriegsflüchtling: Treck ging von Barten nach Moorbrink

von
erstellt am 21.Jan.2015 | 09:00 Uhr

Feuerwerk verträgt Erika Neumann nicht. Die zischenden Raketen hören sich für die 74-Jährige immer noch so an wie die Geschosse von Tieffliegern auf den Flüchtlingstreck, der ihre Familie aus Ostpreußen nach Mecklenburg brachte. Dabei liegen diese Erlebnisse 70 Jahre zurück.

Es war schon lange dunkel am 21. Januar 1945, als die vierjährige Erika auf einen der fünf Wagen gelegt wurde. Das Mädchen hatte schlimmen Husten. „Ich hatte kurz zuvor noch eine Impfung gegen Keuchhusten bekommen“, erinnert sie sich. Erika Neumann, die damals noch Erika Bartsch hieß, konnte sich nicht erklären, was gerade passiert und dass sie heute vor genau 70 Jahren ihre alte Heimat verliert. Denn vom Krieg hatte das Kind in Barten im Kreis Mohrungen bis dahin nur wenig mitbekommen. Ihr Vater Fritz arbeitete als Schmiedemeister. „Er war vom Kriegsdienst freigestellt worden, weil er auf dem Gut gebraucht wurde.“ Ein paar Verwandte mussten auf dem Lande untergebracht werden, weil sie in Königsberg ausgebombt worden waren. In Barten war es ja ruhig. Weihnachten 1944 wurde normal gefeiert.

Doch die Front und damit der Krieg rückten näher. Die vom Gut lebenden und arbeitenden Deutschen bereiteten sich auf die Flucht vor. Zirka 50 Leute. Fünf Pferdewagen wurden bepackt. Vieles musste zurückbleiben. „Auch die Weihnachtsgeschenke“, erinnert sich Erika Neumann. Nur eine rote Holzkugel blieb ihr – ein treuer Wegbegleiter und ein lieb gewonnenes Spielzeug.

Fritz Bartsch nahm beim Treck die Zügel in die Hand. „Mein Vater hat uns alle sicher durchgebracht“, erzählt die 74-Jährige. Der Tross aus Barten mied die Hauptstraßen. Dennoch gab es gefährliche, lebensbedrohliche Situationen: Vor der Überquerung der Weichsel stauten sich die Flüchtlingstrecks. „Die ersten Wagen wurden von den nachrückenden ins Wasser geschoben“, erzählt Erika Neumann. Eingebrannt in ihre Erinnerung haben sich auch die Angstschreie, wenn die Flüchtlinge bei Angriffen von Tieffliegern Schutz in Straßengräben suchten. „Wir hatten Glück, wir wurden nicht getroffen.“

Dem Tod sind die Bartener dennoch begegnet. „Mein Vater wollte einem Jungen helfen, der an einem Baum lehnte“, schildert Erika Neumann. Doch der Junge rührte sich nicht, er war tot. Der Leichnam war steifgefroren...

Sieben Wochen ging es quer durchs Land, bis der Tross in Westmecklenburg ankam. Die Bartener wurden in Moorbrink und Barner Stück einquartiert. Christel und Fritz Bartsch mit ihren beiden Töchtern erhielten ein kleines Zimmer im Forsthaus Moorbrink. „Da saß ich viel auf den Treppenstufen und fragte immer wieder, wann wir zurück nach Hause fahren“, erinnert sich Erika Neumann. Doch die Eltern gaben erst ausweichende, später keine Antwort mehr – und weinten. Da wusste auch das Mädchen: Die alte Heimat war verloren. Selbst die rote Holzkugel konnte keinen Trost mehr spenden. Die hatte die kleine Erika kurz vor der Ankunft in Moorbrink verloren.

Zur neuen Heimat der Familie wurde schließlich Klein Trebbow. Denn Fritz Bartsch bekam auf dem Gut Arbeit. In den 1950er-Jahren zog die Familie in die zu Warnitz gehörende Siedlung Stubbenland. In diesem Haus leben heute Erika und Friedrich Neumann. Die Buchhalterin und der Elektriker hatten sich in Schwerin kennen gelernt, wo der aus Moraas stammende Friedrich Neumann seinen Armeedienst leistete. Die drei Kinder des Paares, das im vorigen Jahr Goldene Hochzeit feierte, sind im Stubbenland groß geworden, die beiden Söhne leben in der direkten Nachbarschaft, die Tochter in Grambow.

Erika Neumann hat Ostpreußen zwar schon im Alter von vier Jahren verlassen, doch vergessen hat sie die alte Heimat nie. Anfang der 1980er-Jahre gab es ein erstes Wiedersehen. „Die Freude überwog, auch wenn vieles verfallen war“, blickt sie zurück. Weitere Reisen folgten, auch mit allen Kindern und Enkeln. Die letzte 2011 nach Kaliningrad, dem alten Königsberg. „Die Stadt ist inzwischen sehr schön geworden“, betont Erika Neumann. Wegen einer Krankheit kann sie seitdem leider nicht mehr reisen. Aber das Haus im Stubbenland steht wie schon zu DDR-Zeiten den Heimatfreunden aus Ostpreußen offen. Für Freitag haben Erika und Friedrich Neumann zehn Personen eingeladen, die ebenfalls aus Barten stammen und heute in Schwerin und Umgebung wohnen. „Da werden noch viel mehr Erinnerungen wach“, weiß Erika Neumann.

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