zur Navigation springen

„Tag der Architektur“ : Alte Brauerei öffnet Türen und Bauzäune

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweriner Architekt Ulrich Bunnemann präsentiert zum „Tag der Architektur“ sein Projekt

svz.de von
erstellt am 26.Jun.2014 | 11:50 Uhr

Die Zukunft steht gleich vorn links: Das erste Gebäude auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände in Schwerin ist so gut wie fertig. Zum Tag der Architektur am Wochenende ist das Gelände jeweils von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Auf zwei Etagen können demnächst die ersten Wohneigentümer einziehen. Bis kurz nach der Wende floss hier noch Bier in Strömen – in Flaschen und Fässer. Nach langer Zeit des Verfalls sind jetzt seit knapp einem Jahr die Bauarbeiter am Werk. Der Architekt Ulrich Bunnemann, der sich mit seiner „Schelfbauhütte“ auf die Sanierung alter Gebäude spezialisiert hat, nahm sich des Geländes an.

„Ich hatte mich schon lange geärgert, dass man immer einen Bogen um die alte Brauerei machen musste, wenn man um den Ziegelsee gehen wollte“, sagt Bunnemann. Der Vorbesitzer, ein privater Investor, konnte seine Vorstellungen nicht umsetzen. Also kaufte der Schweriner Architekt das komplette Gelände mit 37 000 Quadratmetern und tüftelte einen Plan aus, wie die Bausubstanz so weit wie möglich erhalten und doch eine zeitgemäße Nutzung erreicht werden kann. Als nächstes wird im Sommer das ehemalige Werkstattgebäude bezogen. Hier gibt es Wohnungen mit besonderen Grundrissen, hohen Decken und einer Galerie.

Die ältesten Bauten stammen aus der Anfangszeit der Brauerei seit 1865, weitere kamen in den 1920er- und 1930er-Jahren hinzu. Der größte Teil stammt aus den beiden letzten Jahrzehnten der DDR. „Die älteren Teile sind Ruinen, die neueren in einem relativ guten Zustand, dafür aber nicht besonders attraktiv – rechteckige Kisten, deren Umnutzung nicht ganz leicht ist. Bei Hallen von zehn Metern Höhe und 24 Metern Tiefe muss man schon überlegen, wie man Licht in die Mitte bekommt.“

In den kommenden fünf bis sechs Jahren entsteht hier praktisch eine kleine Stadt in der Stadt – mit weiteren Wohnungen, außerdem Einkaufs- und Sportmöglichkeiten, Gastronomie und Arztpraxen.

„Wir wünschen uns eine gute Durchmischung, also nicht nur teures Eigentum mit Seeblick, sondern auch Mietwohnungen, alle energetisch auf dem neuesten Stand.“ Idealerweise könne man hier als junger Mensch hinziehen und sehr lange bleiben, so der Architekt weiter. Sogar altersgerechtes Wohnen mit Betreuung sei geplant. Ganz neu: die Wärmedämmung mit Stroh, die so weit wie möglich angewendet werden soll. „Dieses Material ist ein nachwachsender Rohstoff, der hier im Land direkt vor der Haustür wächst. Es ist praktisch ein Abfallprodukt der Landwirtschaft, kostet keine Extra-Energie in der Herstellung – ökologischer geht es nicht.“

Denn Nachhaltigkeit spielt für Bunnemann eine große Rolle. Übrig bleibende Betonteile der alten Bausubstanz werden geschreddert und als Unterbau für die Straßen wiederverwendet. Die Bäume, die gepflanzt werden, folgen dem Konzept „Essbare Stadt“, werden also eher Äpfel tragen als Lindenblüten.

Nur ein paar Schritte hinter dem bezugsfertigen Werkstattgebäude weht noch der Wind längst vergangener Produktionszeiten durch löchrige Wände und undichte Dächer. Die verfallenen Backsteinbauten mit dem Charme der Gründerzeit würden sich perfekt für einen historischen Spielfilm eignen. An anderer Stelle sind noch die meterdicken Wände der ehemaligen Eiskeller zu sehen. In den Beton-Hallen aus DDR-Zeiten liegt Dreck herum, einige Ecken sind schlecht einsehbar, und um das Klischee einer Thriller-Kulisse abzurunden, tropft tatsächlich gemächlich Wassertropfen für Wassertropfen von der Decke. Hier wird bis zu einer Fertigstellung noch viel Kreativität, Zeit und Geld gebraucht. Das Interesse der Menschen an dem Projekt ist jedoch schon jetzt groß. „Die ersten Wohnungen sind verkauft“, sagt Projektleiter Holger Diesing. „Gerade haben wir begonnen, den Siloturm umzubauen. Auch da ist nur noch eine Einheit frei.“

Die Wohnungen sind zwischen 70 und 250 Quadratmetern groß. Dadurch, dass die „Schelfbauhütte“ nicht nur Architekturbüro, sondern auch Bauunternehmen ist, kann flexibel auf Käuferwünsche reagiert werden. Noch sind auch nicht alle Einzelgebäude zu Ende geplant. „Wir können auf den Markt reagieren“, so Diesing. „Wären zum Beispiel kleinere Wohnungen oder mehr Büroflächen gefragt, würden wir es so planen.“

Bunnemann will hier ein Stück altes Schwerin erhalten. „Wer hier sein Zuhause hat, wird immer sagen, dass er in der alten Brauerei wohnt“, meint er. Auch bei den Kollegen erntet der Architekt Anerkennung.

„Der Ansatz, es so zu entwickeln, ist toll und spannend“, sagt Joachim Brenncke, Präsident der Landes-Architektenkammer. „Die Art, wie der Kollege Bunnemann an Projekte herangeht und sie auch gleich mit einer eigenen Baufirma umsetzt – das ist schon faszinierend. Er nimmt sich ja solcher Gebäude an, die kein anderer mehr haben will, und die dann hinterher etwas Besonderes sind.“

Etwas Besonderes ist das Gelände der Alten Brauerei schon jetzt – egal, ob im neugestalteten oder im unsanierten Teil. Die Besucher zum Tag der Architektur können es komplett kennenlernen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen