Schwerin : Als die Bahn zum Friseur fuhr

Ausgerechnet am Tag der Republik 1953: Diese Straßenbahn kam wegen eines technischen Defekts am Wittenburger Berg aus der Spur und fuhr in ein Friseurgeschäft.
Ausgerechnet am Tag der Republik 1953: Diese Straßenbahn kam wegen eines technischen Defekts am Wittenburger Berg aus der Spur und fuhr in ein Friseurgeschäft.

Geschichte des öffentlichen Nahverkehrs in Schwerin – heute: vom Bummi-Bus bis zur Müllstraßenbahn

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09. März 2018, 12:00 Uhr

Ohne den öffentlichen Nahverkehr wären die Straßen der Landeshauptstadt hoffnungslos überfüllt. Bus, Straßenbahn oder Fähre sorgen für Entlastung. Die verschiedenen Verkehrsmittel in Schwerin haben ihre ganz eigene Geschichte. Heute: Kurioses, Trauriges, Außergewöhnliches.

Erinnern Sie sich noch, liebe Leser? Es war um das Jahr 1980 herum. Die DDR erlebte einen Baby-Boom. Vor Kaufhäusern und Kaufhallen reihten sich die Kinderwagen. Und weil immer mehr junge Familien auf den Dreesch zogen, wurde es für den Nahverkehr zunehmend schwierig, all die Kinderwagen und Sportkarren zu transportieren. Es war zu wenig Platz in den Bussen. Also wurde ein „Schlenki“ umgebaut und fuhr fortan als „Bummi-Bus“.

Es gab aber auch sehr Trauriges in der Geschichte des Schweriner Nahverkehrsbetriebes. Am 7. April 1945 bombardierte ein britischer Verband Schwerin und zerstörte komplett das Straßenbahn- und Busdepot. Vom Fahrzeugpark blieben nur vier Straßenbahnen und zwei Busse übrig, die aber nicht mehr einsatzbereit waren. Weitgehend zum Erliegen kam der Nahverkehr auch im Chaos-Winter 1978/79. Da fielen die erst seit 1974 im Einsatz befindlichen Tatra-Bahnen aus. Die Lüfter für die Elektrik saugten den Schnee an. Die uralten Gotha-Bahnen dagegen hielten durch.

Ein besonderes Unglück ereignete sich ausgerechnet am 7. Oktober 1951, dem Tag der Republik. Eine Straßenbahn fuhr wegen eines technischen Schadens vom Wittenburger Berg kommend in einer Kurve geradeaus und landete im Friseurladen. Der Beiwagen stürzte um. Glück im Unglück: Es gab nur leicht Verletzte.

Im Jahr 1982 beschloss die DDR-Parteiführung, mehr Transporte auf die Schiene zu verlagern. Es sollte Kraftstoff eingespart werden. Der Nahverkehrsbetrieb baute eine Straßenbahn zur Transportbahn um. Die fuhr auch einige Zeit zwischen Süd und dem Hauptbahnhof. Doch die Aktion verlief bald im Sande. Der Aufwand des Umladens war viel zu hoch. Es war nicht das erste Mal, dass die Schweriner Straßenbahn nicht nur Personen beförderte. 1945 verkehrte eine Müllbahn in der Stadt. Auf ein Fahrgestell wurden zwei Mülltonnen montiert, ein MAN-Triebwagen wurde zum Mülltriebwagen umgebaut.

„Teuer“ war das Bus- und Bahnfahren während der Inflationszeit. Im April 1923 kostete eine Fahrt mit der Straßenbahn nach Zippendorf 300 Mark. Wenige Monate später, im November, waren es 120 Milliarden Reichsmark.

Ab 1881 fuhr in Schwerin eine Pferdebahn. Der Magistrat der Stadt fürchtete dabei jedoch Gefahren für andere Verkehrsteilnehmer. Deshalb musste der Schaffner an der Ecke Friedrichstraße/Königstraße (heute Puschkinstraße) aussteigen und die Bahn unter Sicherung des übrigen Verkehrs einweisen.

Einen Einweiser hatten auch die Busse, die wegen des Umbaus des Marienplatzes vor fast sechs Jahren durch die Mecklenburgstraße fuhren. Der Begleiter war aber ganz modern mit einem zweirädrigen Segway unterwegs.

Die Geschichten unserer Wochenserie – und noch mehr – sind in dem Buch „Geschichte des Verkehrs in der Landeshauptstadt Schwerin“ zu finden. Es wird an den Ticket-Verkaufsstellen am Marienplatz und am Platz der Freiheit angeboten.

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