Aggro-Kids: Fachleute schlagen Alarm

Verhaltensauffällige Jugendliche beschäftigen  Psychologen deutschlandweit, wie Hans-Ulrich Neunhoeffer aus München, Edith Hilmer aus Schwerin und Patric Westermann (r.) auf der Tagung im Schweriner Capitol verdeutlichten, an der 300 Experten auch aus der Schweiz, Österreich und Luxemburg teilnehmen. Reinhard Klawitter
Verhaltensauffällige Jugendliche beschäftigen Psychologen deutschlandweit, wie Hans-Ulrich Neunhoeffer aus München, Edith Hilmer aus Schwerin und Patric Westermann (r.) auf der Tagung im Schweriner Capitol verdeutlichten, an der 300 Experten auch aus der Schweiz, Österreich und Luxemburg teilnehmen. Reinhard Klawitter

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20. September 2012, 08:12 Uhr

Paulsstadt | Gewalttätige Übergriffe von Jugendlichen wie der jüngste Fall an der Schweriner Bertolt-Brecht-Schule werfen die Frage auf, woran es den Jugendlichen heutzutage mangelt. Diese Frage zu beantworten, fällt auch den Fachleuten schwer. 300 Pädagogen, Psychiater, Pfleger und Erzieher beraten derzeit bei der 17. Bundesfachtagung in Schwerin über Herausforderungen bei Extremfällen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Mit Aggressionen, selbstverletzenden Tendenzen und Verhaltensauffälligkeiten haben wir täglich auf den Stationen in ganz Deutschland zu tun", sagt Manfred Rose, Geschäftsführer der organisierenden Bundesarbeitsgemeinschaft. "Es werden zunehmend mehr Fälle. Die Stationen werden ausgebaut, aber die Wartelisten nicht kürzer."

Warum sind Kinder so aggressiv? Die Ursachen sind vielschichtig. "Kein Wunder bei diesen Eltern", diese Sätze seien überholt, sagt Rose. "99 Prozent der Eltern meinen es gut. Aber einige sind selbst Problemkinder gewesen, neigen zu auffälligem Verhalten oder sind drogensüchtig." Diese Tatsache müssen sich auch auf den Stationen alle - Psychologen, Pfleger und Reinigungskräfte - im Umgang mit Problemkindern regelmäßig bewusst machen. "Manche Kinder vertrauen sich dem Reinigungspersonal an und verschließen sich den Schwestern oder Psychologen", erzählt der Nürnberger aus dem Psychiatriealltag. Bei den Fachleuten rücke verstärkt die Ursachen-Vielfalt und das Gesamtbild des Jugendlichen in den Fokus. "Die Auslöser vermischen sich im alltäglichen Leben", sagt er. Alles sei Teil eines Gesamtbildes.

Auf den geschlossenen Stationen in den Schweriner Helios-Kliniken landen die Härtefälle. "Sie brauchen 24 Stunden am Tag Betreuung", erzählt Elke Cerulla, Stationsleiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schwerin. In dem Bereich beschäftigt Helios mehr als 80 Mitarbeiter. Hinzu kommen die drei Tageskliniken in Schwerin, Ludwigslust und Wismar, in denen die weniger brisanten Fälle behandelt werden. Doch egal wo, der Grundsatz "satt, sauber und sicher" ist überholt. "Bei uns steht die Multi-Familien-Therapie im Vordergrund", sagt der Schweriner Chefarzt Dr. Christian Haase. Bei der Behandlung wird das familiäre Umfeld mit einbezogen und berücksichtigt. Das verlangt auch dem Klinik-Personal immer mehr ab. "Die Pfleger und Erzieher stehen längst vor den Psychologen in der ersten Reihe", sagt Elke Cerulla.

Das sei auch in München so, sagt Hans-Ulrich Neunhoeffer, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft. Man könne bei der Vielfalt der Fälle nicht zwischen neuen und alten Bundesländern unterscheiden. Auch die Vorurteile seien deutschlandweit geblieben und nach wie vor die selben. "Das merkt jeder an sich selbst. Fragen Sie sich doch einmal, ob es Ihnen leichter fällt, jemandem zu erzählen wegen einer Bauchspeicheldrüsen-OP im Krankenhaus zu liegen oder wegen psychischer Probleme in die Geschlossene zu gehen", sagt Rose.

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