Schweriner Segler fahren Kolumbusroute : Abenteurer bestehen Sturm-Taufe

In der Nuss-Schale über den wilden Atlantik: André Kurreck (l.) und Tim Wolf haben auf der fünftägigen Passage von Portugal nach La Graciosa einiges durchgemacht. Wolf
In der Nuss-Schale über den wilden Atlantik: André Kurreck (l.) und Tim Wolf haben auf der fünftägigen Passage von Portugal nach La Graciosa einiges durchgemacht. Wolf

André Kurreck und Tim Wolf haben ihr Segelboot sicher auf die Kanaren gebracht. Auf ihrer ersten Strecke nahmen sie fast alles mit, was die Hochsee hergibt: Wale, Delphine, Thunfische, Sturm und zwei Tage Seekrankheit.

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13. September 2012, 09:48 Uhr

Schwerin | Ein wenig müsse er an seiner Öffentlichkeitsarbeit noch feilen, sagt der 38-jährige André Kurreck lächelnd. Dass der leidenschaftliche Segler und selbstständige Unternehmer zusammen mit seinem Freund Tim Wolf auf der sagenumwobenen Kolumbusroute den Atlantik überqueren wollte, das wissen die meisten Schweriner. Dank SVZ, dank Mundpropaganda, dank Internetseite "www.lebemeer.de". Aber wenn sie ihn jetzt auf der Straße treffen, sind viele verdutzt: André Kurreck hier und nicht auf hoher See? Tatsächlich macht er gerade einen mehrmonatigen Zwischenstopp in der Landeshauptstadt. Den ersten, kleinen, aber trotzdem sehr aufregenden Teil der Reise hat er bereits hinter sich: Schon im Juli segelten Kurreck und Wolf von Lissabon auf die Kanaren-Insel La Graciosa. Und nahmen auf ihrer ersten Strecke fast alles mit, was die Hochsee hergibt: Wale, Delphine, Thunfische, Sturm und zwei Tage Seekrankheit.

"Ich bin froh, dass wir in den wenigen Tagen schon so viel erlebt haben und das Boot richtig austesten konnten", sagt Kurreck. Dabei haben die beiden Schulfreunde auch gemerkt, dass sie in der Einsamkeit, auf dem Wasser und auf engstem Raum perfekt miteinander harmonieren. Und dass beide ganz schön mutig sind. Vor allem eine heftige Sturmnacht kurz vor Ende der ersten Etappe hat den ganzen Mann gefordert. Der Wind kam spät und überraschend: "Der Wetterbericht von Tim, den wir unterwegs über SSB-Wetterfax empfangen haben, hatte auf unserer Strecke 20 bis 30 Knoten Wind angesagt. Genau konnten wir aber die Grib-Files nicht entziffern, da sich auf unserer Wetterfrequenz immer wieder ein afrikanischer Sender befand. Keine schlechte Musik, aber ordentliche Wetterinformationen auf unserem Gebiet wären auch nicht schlecht gewesen. Ein Teil der Karte war lesbar, auf dem anderen waren nur irgendwelche Hieroglyphen erkennbar. Leider genau der Teil, auf dem unsere Route verlaufen sollte", berichtet Kurreck. Gegen Abend wurde den beiden Abenteurern schon ein bisschen unwohl, da die See extreme Ausmaße annahm. Die Wellen glichen langsam einem Gebirge, an die angesagten drei Meter konnte Kurreck nicht mehr glauben. Über Funk war kein Schiff in der Nähe zu erreichen, das weitere Auskünfte geben konnte. Überhaupt begegneten den Seglern auf der viel befahrenen Strecke täglich nur drei bis vier Frachter - viel weniger als erwartet.

Die beiden Schweriner legten also all ihre Rettungsmittel in greifbare Nähe - und stellten sich eine Schale mit Knabbereien auf den Tisch. Trotz aller Gemütlichkeitsversuche rotierten die Fragen im Kopf: Woher kam der Wind, den keiner angekündigt hatte? Legte er noch zu? War irgendwo ein Hurricane im Anflug?

Die Windsteueranlage steuerte das Boot mit dem viel versprechenden Name n "Tequila Sunrise". Trotzdem schlug es auf einem Wellenkamm einmal quer, so dass Kurreck ins Ruder greifen musste. Zweimal kam eine kleine Welle direkt von der Seite und füllte das Cockpit bis zur Hälfte mit Wasser. Kurreck und Wolf "pützten" wie die Weltmeister. Schließlich wagte sich Tim mitten in der Nacht raus aufs Vorschiff und kontrollierte die Sicherungen. "Ich freue mich darüber, dass er so ein mutiges Kerlchen ist", schreibt Kurreck am nächsten Tag in seinem Internet-Blog. Das hätte sich bestimmt nicht jeder getraut.

Am nächsten Morgen sah die See zwar immer noch beeindruckend aus, aber der Wind hatte nachgelassen. Später haben die beiden erfahren, dass sie sich tatsächlich mitten in einem Sturm befanden. Kurreck schätzt ihn auf Windstärke 9.

Wenig später kam schon Land in Sicht - La Graciosa. "Eine kleine Insel, die vor allem von Weltumseglern angesteuert wird", sagt Kurreck lächelnd. Ein paar von diesen "Verrückten" haben die Schweriner im Hafen gleich kennen gelernt. Zum Beispiel das französische Pärchen, das bald weiter zu den Kapverden wollte und im Dezember Richtung Brasilien den Atlantik überqueren möchte. Irgendwann in den nächsten zwei Jahren wollen sie auf dem Pazifik sein.

Bei diesem Gedanken bekommt auch André Kurreck leuchtende Augen. Ja, das wäre eine großartige Zukunftsperspektive auch für ihn. Er hat Witterung aufgenommen bei der Tour zu den Kanaren, die lange Reise in die Karibik kann er kaum abwarten. Im November nach der Hurricane-Saison soll es losgehen, etwa 5000 Kilometer allein mit Tim Wolf in der 7,31 Meter langen Nuss-Schale über eines der sieben Weltmeere schippern. Bei günstigen Passatwinden eine Reise von etwa 30 Tagen.

Dass sich sowohl Tim Wolf als auch André Kurreck in den ersten beiden Tagen vermutlich wieder der Magen umdrehen wird und von Erholung keine Rede sein kann, schreckt sie nicht. "Jetzt wissen wir ja, dass die Seekrankheit nach ein paar Tagen wieder weggeht." Weitere Erfahrungen, aus denen die zwei ihre Konsequenzen ziehen: Statt abgepacktem Brot nehmen die beiden das nächste Mal mehr Reis und Nudeln mit. Das Wetter werden sie über Satellitentelefon bekommen und auch das Hochsee-Angeln werden sie noch perfektionieren. Diesmal ist nämlich ein leckerer Thunfisch vom Haken einfach entwischt - als Tim die Beute fotografieren wollte. Er ist nämlich für die professionelle Dokumentation des Abenteuers zuständig. Im Frühjahr will er mit dem NDR einen Film über die Reise der Schweriner zusammenstellen.

Ganz nebenbei werben die beiden also auch tüchtig für ihre Heimatstadt. In der Fachzeitschrift "Yacht" ist bereits ein Reisebericht von der ersten Tour erschienen. Also haben sie in Sachen Öffentlichkeitsarbeit doch alles richtig gemacht. Und wer sich wundert, warum sie gerade in Schwerin sind, der kann sie ruhig ansprechen. Die beiden erzählen nämlich sehr gerne von ihrer Tour.

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