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Zeitung für die Landeshauptstadt

18. November 2017 | 04:07 Uhr

Abenteuer Großfamilie

vom

svz.de von
erstellt am 19.Mär.2012 | 05:47 Uhr

Schelfstadt | Viele Familien finden Schwerin lebenswert. Sie sehen Kinder hier nicht als Armutsrisiko, sondern als große Bereicherung. Eine davon ist Familie Jäger. Sie heben den Durchschnitt von aktuell 1,3 Kindern pro Frau in Deutschland ein gutes Stück an. SVZ gestatteten sie einen Einblick in ihre ganz persönliche Familiengeschichte.

Für Betina Jäger war eines immer ganz klar: "Ich wollte drei Kinder haben. Und ich wollte als Mutter für sie da sein." Statt drei sind es schließlich doch vier Kinder geworden: Tobias, Johanna, Dorothea und Lorenz. Betina Jäger war mit Leib und Seele Mutter. Sie hat gebastelt, gekocht, vorgelesen, Ausflüge gemacht, sich in Elterninitiativen engagiert, während ihr Mann Harald arbeiten ging und das Familiennest baute. Irgendwann hat der Vollzeitjob dann aber doch nach der leidenschaftlichen Mutter gerufen. Heute ist sie Geschäftsführerin der Freien Waldorfschule Schwerin. Ihr Mann Harald hat sich als Erlebnispädagoge selbstständig gemacht.

Nur Lorenz wohnt heute noch zu Hause, er geht in die 12. Klasse. Die anderen drei haben das gemütliche Fachwerk-Haus in der Bergstraße schon verlassen. "Alles hat seine Zeit", antworten Harald und Betina Jäger lächelnd auf die Frage, ob sie den Trubel nicht vermissen. Dann schauen sie durchs Wohnzimmerfenster in den Garten, wo gerade Finn und Malina herumspazieren. Die beiden sind zwei ihrer insgesamt schon vier Enkel und leben seit Kurzem wieder in Schwerin - gleich nebenan. Nach Stationen in Augsburg und Wismar sind Johanna und ihr Mann in die Heimatstadt zurückgekehrt. Und sorgen dafür, dass Jägers nun eine echte Großfamilie geworden sind.

Den offiziellen Stempel "kinderreich" bekamen sie übrigens mit Dorotheas Geburt im Jahr 1988. Damals lebte die Familie noch in einer 3-Raum-Wohnung in der Bergstraße - Altbau, dritter Stock, Kohleheizung, Badewanne in der Küche und Toilette auf der halben Treppe. Ihr Traumdomizil hatten sie aber schon zwei Jahre vorher in der Nachbarschaft gekauft. "Das Haus war gut 250 Jahre alt, galt als abbruchreif und unsere Freunde und Verwandte haben uns für verrückt erklärt", erinnert sich Betina Jäger, die übrigens aus Dresden stammt. 1984 zog sie mit ihrem Mann - gebürtig aus Weimar - nach Schwerin. Sie hatten als neuen Lebensmittelpunkt "eine kleine Großstadt in schöner Lage" gesucht. Da war Schwerin perfekt. So empfinden Jägers es heute immer noch: "Schwerin ist überschaubar, gut vernetzt, irgendwie kennt jeder jeden, aber gleichzeitig sitzt man nicht zu dicht aufeinander."

Nach der Wende engagierte sich Betina Jäger für alternative Schul- und Erziehungsmodelle, stieß auf Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Schon im September 1990 machte der erste Waldorfkindergarten in der Arsenalstraße auf. Eine Menge ehrenamtliche Arbeit und die Geburt des vierten Kindes begleiteten die nächsten Jahre, bis 1997 die Freie Waldorfschule Schwerin gegründet wurde. Seit dem Jahr 2000 führt Betina Jäger dort offiziell die Geschäfte. Das Familienleben funktionierte trotzdem. "Der 17-Uhr-Tee ist uns zum Beispiel heilig", sagt das Ehepaar. "Auch die Mahlzeiten haben wir fast immer alle gemeinsam eingenommen. Als die Kinder größer wurden, dauerte das Abendessen oft Stunden, so viel gab es zu besprechen und erzählen."

Um Beruf und Haushalt zu schaffen, führten Jägers schließlich Stundenzettel ein - jedes Kind musste einige Stunden in der Woche zu Hause mithelfen, waschen, putzen, aufräumen oder kochen. "Auch das ist Teil des Lebens", sagt Harald Jäger. "Ich finde es wichtig, dass die Kinder lernen, dass der Dreck nicht von allein verschwindet." Noch heute amüsieren sich die beiden über die Kabbeleien und Tricks, die es bei diesem Thema gab. Funktioniert hat es trotzdem. Auch als Mama und Papa nochmal studieren gingen - zwei Jahre berufsbegleitend "Sozialmanagement" in Lüneburg - zogen Tobias, Johanna, Dorothea und Lorenz mit, nachdem der Familienrat getagt hatte.

Leben mit Kindern bedeutet für Jägers eher Abenteuer als Verzicht, auch wenn Urlaube viele Jahre lang nur bei Oma und Opa statt fanden. Es bedeutet mehr Freude als Stress, auch wenn Mama und Papa sich manchmal wirklich nur um 17 Uhr zum Tee sahen. Vieles in ihrem kinderreichen Leben wurde aus dem Bauch heraus entschieden und nicht nach Ratgeber-Büchern. Eine Fähigkeit, die die beiden anderen Paaren wünschen: "Wir haben uns meistens auf den gesunden Menschenverstand verlassen."

Umfrage-Ergebnisse

So bewerten SVZ-Leser Familienfreundlichkeit: Schwerin Mit der Note 1 sind die Schweriner beim Thema Familienfreundlichkeit geizig: Nur 11 Prozent geben ihrem Wohnort ein „sehr gut“. Aber eine 2 kommt von 40 Prozent, eine 3 gibt es von 26 Prozent der Befragten. Nur zwei Prozent schreiben der Familienfreundlichkeit in Schwerin eine 6 ins Zeugnis. Ganz ähnlich sieht die Beurteilung der schulischen Angebote aus: 12 Prozent geben hier eine 1, 37 Prozent eine 2 und 25 Prozent eine 3. Mit dem Kinderbetreuungsangebot sind immerhin 17 Prozent sehr zufrieden, 40 Prozent geben eine 2 und 23 Prozent eine 3.

Viele Freizeitangebote, zu wenig Kita-Plätze: Schwerin Schwerin ist eine Stadt der kurzen Wege und in wenigen Minuten ist man mitten in der herrlichsten Natur. Dafür gibt es von vielen Befragten ein dickes Lob an die Landeshauptstadt. Auch die Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche schätzen viele als sehr positiv ein, hier explizit Spielplätze und Theater für Kinder. Kritik gibt es von manchen allerdings an den Kosten. Nur Besserverdienende könnten sich das alles leisten, heißt es auf einigen Fragebögen. Sehr häufig bemängelt wurde die offenbar nicht ausreichende Zahl an Hort-, Kita- oder Krippenplätzen – besonders in der Innenstadt. Gerade für Eltern mit Kleinkindern sei die Suche nach einem Betreuungsplatz ein „Krampf“.

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