Schwerin : Dreescher Fernsehturm wird Mitmach-Museum

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Außergewöhnliches Projekt: Filmemacher Michael Kockot sucht Requisiten und Geschichten in Wort und Bild vom Dreesch.

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25. September 2019, 05:00 Uhr

Restaurant Pankow in Neu Zippendorf. Hier ist die Einrichtung rustikal, das Essen deftig, der Raucherraum separiert und die Bedienung freundlich. Wenn Michael Kockot an diesem Spätsommernachmittag nicht in einer der wenigen noch existierenden Gaststätten auf dem Dreesch gewesen wäre, um über sein neuestes Projekt „Museum im Fernsehturm“ zu plaudern, dann hätte er bestimmt die Zeit genutzt, um hier mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

50 Jahre Dreesch wird gefeiert

Mit den beiden Männern, die sich beim Eisbeinessen über den Müll auf dem Balkon der Nachbarn unterhalten. Mit dem älteren Herrn, der lange überlegt, ob er noch ein zweites Bier trinken möchte. Oder mit der schweigenden Frau, die am Tisch ganz hinten sitzt. Er hätte ihnen gesagt, dass er Filmemacher ist, dass 2021 das Jubiläum „50 Jahre Dreesch“ gefeiert wird und er aus diesem Anlass einen Dokumentarfilm drehen möchte.

Ein Mann, ein Turm, eine Idee: Filmemacher Michael Kockot bietet vom 13. bis 20. Oktober eine Sammelstelle für Dreescher  Geschichten im Fernsehturm an.
Hans Taken
Ein Mann, ein Turm, eine Idee: Filmemacher Michael Kockot bietet vom 13. bis 20. Oktober eine Sammelstelle für Dreescher Geschichten im Fernsehturm an.
 

Er würde ihnen erzählen, dass er mit vielen Menschen aus diesem riesigen Wohngebiet schon gesprochen hat. Mit dem Schulabbrecher an der Skateboardbahn, dem schwitzenden Bauarbeiter am Abrisshaus und der so wunderschön lächelnden Englischlehrerin aus Syrien. Und er würde die Gäste wohl auch fragen, ob sie ihm ihre Geschichte vom Dreesch erzählen würden.

Fernsehturm wird Museum auf Zeit

Michael Kockot ist immer auf der Suche nach neuen Blickwinkeln und Menschen, die ihm erzählen, was sie bewegt und begeistert, was sie verärgert und verängstigt. Er lässt die Menschen sprechen, frank und frei. Er kommentiert nicht, er hört zu. Und er entwickelt manchmal neben seinen Filmprojekten noch ganz spezielle Aktionen. So wie 2012, als das Kunst- und Kulturprojekt „Große Potemkin’sche Straße“ tausende Menschen in Wittenburg anlockte. So wie jetzt, wenn das Wahrzeichen des Dreeschs, der Fernsehturm, für ein Museum auf Zeit und auch als Kulisse für die Bewohner dieses Stadtteils und ihre Erinnerungsstücke an den Dreesch dienen wird.

„Der Dreesch taucht immer dann auf, wenn es um Worst-Case-Statistiken geht, um Arbeitslosigkeit, um Kinderarmut. Die Ausstellung soll das Jubiläum vorbereiten und die Menschen von hier vorstellen – und vor allem mitnehmen“, sagt Kockot. Eine Ausstellung zum Mitmachen und das Museum als Sammelstelle, als Ort, zu dem die Menschen etwas bringen können, das sie mit dem Dreesch verbindet. Alte Fotos von der Platte, ein Stück Tapete aus der ersten Wohnung, der erste Mietvertrag.

Improvisiertes Studio aufgebaut

Vom 13. bis zum 20. Oktober wird sich das Museum auf drei Ebenen ausbreiten. Oben, im ehemaligen Restaurant des Fernsehturms, werden improvisierte Video-, Ton und Fotostudios aufgebaut. Dort kann jeder seine persönliche Dreesch-Geschichte erzählen und aufzeichnen lassen. Im zwölften Obergeschoss werden Fotos des ehemaligen SVZ-Fotografen Ernst Höhne ausgestellt. Geschichte ganz oben, dazu gibt es für Besucher die Aussicht auf den Dreesch.

Im Foyer werden die mitgebrachten Gegenstände in Glasvitrinen ausgestellt. Auf dieser Ebene finden auch Vorträge statt, stellen sich Initiativen, Kirchen und Vereine vor. „Der Fernsehturm soll ein Ort der Begegnung, der lebendigen Kommunikation werden“, so Filmemacher Kockot, der auch beim NDR als Kameramann arbeitet. Bei diesem Projekt, das die Stadt Schwerin sowie das Kultusministerium MV fördern und vom Freilichtmuseum und der Galerie Dezernat 5 unterstützt wird, gehe es nicht um ein perfektes, fertiges Museum. Kockot: „Mitmachen ist angesagt. So werden wir den Dreesch sicher vielschichtiger erleben, als er bislang wahrgenommen worden ist.“

Die Ausstellung ist vom 13. bis 20. Oktober jeweils von 14 bis 18 Uhr, außer am Mittwoch, zu sehen.

So machen Sie mit: Erzählen Sie uns ihre Dreesch-Geschichte

Unsere Redaktion wird das außergewöhnliche Projekt von Michael Kockot begleiten. Um bereits erste Ausstellungsstücke und die dazu passenden Geschichten vor dem Start am 13. Oktober zu sammeln, können Sie sich, liebe Leser, auch mit unserer Redaktion in Verbindung setzen. Zeigen Sie uns Ihre Erinnerungsstücke und wir schreiben Ihre Geschichte dazu aus, vom Dreesch, dem Gebiet, in dem früher einmal mehr als 60 000 Menschen lebten und heute noch rund 25 000 Menschen wohnen.

Kontakt: schwerin@svz.de

Stichwort: Dreesch

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