Schwule in Schwerin : „Händchenhalten ist gefährlich“

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Haben keine Lust auf Versteckspiel, nur weil sie schwul sind: Sebastian Witt, Christian Wendt und Uwe Schierig (v.l.n.r.) engagieren sich für die Szene.
Haben keine Lust auf Versteckspiel, nur weil sie schwul sind: Sebastian Witt, Christian Wendt und Uwe Schierig (v.l.n.r.) engagieren sich für die Szene.

Homosexuelle Menschen und ihr Alltag in Schwerin: Drei Schwule berichten über Prügel, Pöbeleien und abfällige Bemerkungen

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05. Dezember 2018, 11:55 Uhr

Keine Lust auf Versteckspiel wegen seiner sexuellen Neigung hat Uwe Schierig. Ebenso auf Angst vor Ausgrenzung, obwohl der 57-Jährige nicht gerade ein Muskelprotz ist, sondern eher von unscheinbarer Natur. Doch für diesen Mut hat er bereits mit Schmerzen bezahlt. Der Vorfall liegt zwar schon 26 Jahre zurück, doch vergessen wird ihn der gebürtige Schweriner bis ans Ende seiner Tage nicht. „Ich kam aus einer Disco auf dem Dreesch, als mich vier Typen umringten. Einer, den ich überhaupt nicht kannte, beschimpfte mich hasserfüllt als ,Schwuchtel’. Kaum war diese Beleidigung raus, bekam ich auch schon eine Faust ins Gesicht. Ich ging zu Boden und erlitt am Kopf eine Platzwunde.“

Schwerin - eine konservative Stadt

Schwerin sei eine recht konservative Stadt, betont Christian Wendt und zeichnet ein Sittenbild von ablehnend bis intolerant. „Und das, obwohl wir doch angeblich in aufgeklärten Zeiten leben“, sagt der 25-Jährige weiter, der sein Schwulsein bis zum 18. Lebensjahr für sich behielt. „Mit 14 habe ich gemerkt, dass mein Interesse an Frauen nicht besonders groß ist. Toll fand ich das nicht und wollte es eigentlich auch nicht wahrhaben“, erinnert sich der gebürtige Leipziger, der Einzelhandelskaufmann ist und derzeit bis 2021 eine zweite Lehre zum Lokführer absolviert. „Wenn mich heute jemand fragt, sage ich, dass ich schwul bin. Aber ich würde nicht unbedingt Händchenhaltend durch Schwerin laufen. Das ist immer noch gefährlich.“

Es gäbe ein paar Pärchen, die sich das trauten, berichtet Sebastian Witt. „Das ist immer eine Frage des Selbstbewusstseins.“ Blöde Kommentare kämen auch fast nie von Einzelpersonen, sondern immer aus Gruppen, meist angetrunkenen, sagt der 35-Jährige. „Nur in der Masse fühlen sich diese Männer stark, alleine sind sie feige“, so der gebürtige Schweriner, der schon des öfteren verbale Ablehnung erfahren habe. „Es schockiert mich immer wieder, wenn ich angefeindet werde, nur weil ich schwul bin. Und auf der Stirn steht es ja auch nicht geschrieben. Aber diese Typen haben irgendwie ein untrügliches Gespür dafür, klopfen blöde Sprüche oder pöbeln. Verdroschen worden bin ich aber noch nicht. Zum Glück“, fügt der Sozialarbeiter an, der sein Schwulsein weder verschweigen noch sich dafür stigmatisieren lassen will. Warum auch? „Etwa acht bis zehn Prozent der Schweriner sind Lesben und Schwule. Pro Jahr beraten wir etwa 100 von ihnen.

Selbstmorde leider nicht selten

Das größte Problem ist immer ihr persönliches Comingout, das recht viele Fragen aufwirft. Besonders bei Älteren, die sich in eine Ehe geflüchtet haben, um nicht aufzufallen,“ erklärt Witt, der unter anderem Vereinsvorsitzender des Lesben- und Schwulen-Verbandes Deutschland für M-V sowie Vorstandsvorsitzender des Christopher-Street-Days für Schwerin ist. Dass er heutzutage immer noch sorgfältig auswählen müsse, wem er von seiner sexuellen Orientierung erzähle, sei eigentlich ein Armutszeugnis für die sich doch so allumfassend aufgeklärt gebende Gesellschaft. „Unwissenheit, mangelnde Bildung, Angst vor dem Anderssein sowie eine krude Gedankenwelt sind offensichtlich ein fruchtbarer Boden für Menschen, die Schwule und Lesben hassen.“ Außerdem seien Selbstmorde in der Szene als letzter Ausweg bei Ablehnung leider nicht selten. „Die Rate ist hoch, besonders bei jungen Leuten. Wer zu Hause rausfliegt, weil er gleichgeschlechtlich liebt, stürzt immer in eine tiefe Krise.“

Alle drei Männer sind derzeit Single. Vielleicht ist es ein Mix aus unerfüllbaren Ansprüchen, zuviel Lüge, Einzelgängertum und der Tendenz, sich nicht festlegen zu wollen, der lange Beziehungen in der schwulen Comunity so schwierig macht. Trotzdem wünscht sich das Trio unabhängig voneinander für die Zukunft eine harmonische Partnerschaft. Egal, ob erdrückend groß oder klein, wenn nur die Liebe am Ende siegt. „Und auf die kommt es doch in jeder Beziehung an. Geliebt werden will doch jeder von uns. Egal, ob er schwul, lesbisch oder hetero ist“, stellt Sebastian Witt als letzten Gedanken in den Raum. Die beiden anderen Männer nicken zustimmend.

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