Am Lewenberg in Schwerin : Als Ersatzpapa an Weihnachten im Kinderheim

von 24. Dezember 2020, 05:00 Uhr

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Wenn die Familie kein Zuhause mehr ist, springen Menschen wie Max Wienecke ein. Er ist der „Ersatzpapa“ für viele Kinder.
Wenn die Familie kein Zuhause mehr ist, springen Menschen wie Max Wienecke ein. Er ist der „Ersatzpapa“ für viele Kinder.

Die Weihnachtszeit verbringt Max Wienecke im Kinderheim. Auch Heiligabend gehört dazu. Ein schönes Fest soll es werden. So wie er es aus eigenen Kindertagen kennt.

Jedes Naturschutzgebiet hat seinen Ranger. Am Lewenberg in Schwerin ist Max Wienecke derjenige, der für „Sicherheit“ sorgt. 15 Kinder wohnen hier in einem kleinen Häuschen, sie sind zwischen 9 und 16 Jahre. Das Kinderheim mit dem vielen Grün drum herum ist ihr Zuhause. Hier leben sie zusammen wie eine Familie, nur, dass Max Wienecke nicht ihr leiblicher Papa ist. Dennoch übernimmt er in einer Wohngruppe all jene Rollen und Aufgaben, die einen „guten“ Vater ausmachen. Der 31-Jährige selbst bezeichnet diesen Ort als „Naturschutzgebiet für die Seelen“ der Kinder. „Hier können sie sich sicher fühlen“, sagt er. „Die Mädchen und Jungen haben gruselige Zeiten durchgemacht. Wurden vernachlässigt, ausgenutzt oder mit Gewalt überhäuft. Hier haben sie ein schönes Zuhause. Wir zeigen ihnen, dass es auch andere Lebenswelten gibt, Menschen, die nicht so ticken wie ihre Eltern. Dass es nicht normal ist, wenn der Vater betrunken auf der Couch liegt.“ Immer was zu tun Auf die Couch schafft es Max Wienecke selber nur selten. Meist gibt es immer was zu tun. Aufstehen. Kinder wecken. Frühstück machen. Aufräumen. Freizeit planen. Mittag kochen. Bei den Hausaufgaben helfen. Spielen. Reden. Konflikte schlichten, Trösten, Tischtennisplatte reparieren, Glühbirne wechseln. Abendbrot machen... Seit fünf Jahren arbeitet der gelernte Erzieher im Kinderheim der Sozius Kinder- und Jugendhilfe Schwerin. Kein Tag gleicht dem anderen. Wenn es in der Schule für ein Kind nicht gut gelaufen ist oder jemand Liebeskummer hat, kann er die Pläne für den Nachmittag schon mal über den Haufen werfen. Etwas durcheinander geriet auch die diesjährige Adventszeit. Normalerweise macht sich Max Wienecke mit seinen Kindern auf zum Förster, um selber einen Baum zu sägen. Wurde dieses Jahr wegen Corona gestrichen. Und der Weihnachtsmann? „Gestrichen“, sagt er und wirft ein paar Scheite in den Feuerkorb, den er selbst aus einer Wäschetrommel gebaut hat. Aufgabe wie auf den Leib geschnitten Eine Woche lang lebt der 31-Jährige, der mit seinem roten Cappi gut als zehn Jahre jünger durchgehen könnte, mit den Jungen und Mädchen zusammen. Dann hat er eine Woche frei und dann ist er wieder sieben Tage bei ihnen. Die Arbeit im Kinderheim scheint ihm wie auf den Leib geschnitten. Max Wienecke hat einfach gern Kinder und Jugendliche um sich rum. Und er kann ihnen ein gutes Familienleben bieten. „Das geht nur, wenn man selber in einer gesunden Familie aufgewachsen ist und Liebe von seinen eigenen Eltern erfahren hat“, ist der Erzieher überzeugt. Wenn man sich als Mensch wertvoll fühlt und rücksichtsvoll mit anderen umgehen kann.“ Vor allem an Weihnachten gibt Max Wienecke die Rituale weiter, die er von früher kennt. Außerdem liebt er es, sich mindestens einmal am Tag in einen kleinen Jungen zu verwandeln. Auf allen Vieren krabbelt er um die Carrera Autorennbahn und Lego-Burg herum, spielt Pokemon nach Herzenslust. Lässt Marschmallos über dem Feuer schmelzen. „Im Schuppen kloppen wir gerade eine Seifenkiste zusammen“, verrät er spitzbübisch grinsend. „Fürs nächste. Jahr. Ich drück den Kindern die Stichsäge und den Akkuschrauber in die Hand und lass sie machen. So, wie ich es von Vaddern gelernt haben.“ Kindern einen Weg aus der Krise zeigen Und wie ist das, wenn bei den Kindern die Sehnsucht nach den leiblichen Eltern hochkommt? Oder verschwindet die mit der Zeit? Max Wienecke schüttelt den Kopf. „Übers Jahr höre ich immer wieder Sätze wie: ,Ich will zu meiner Mama’. Auch, wenn die total übel war. Oder jemand sagt, ,mein Papa hat versprochen, dass er mich dieses Jahr nicht schlägt’. Die Kinder lieben ihre Eltern einfach, egal was passiert.“ Beobachtet hat Max Wienecke, dass Kinder häufig abgeschoben werden, wenn ein neuer Partner auftaucht. Erst kürzlich sagte eine Mutter den beiden Zwillingen, die bei ihm im Kinderheim leben, direkt ins Gesicht, dass sie keinen Bock mehr auf sie habe. „Ich komme euch jetzt erst mal lange nicht mehr besuchen.“ Für Max Wienecke ist es harte Arbeit, den Kindern in solchen Momenten einen Weg aus der Krise zu zeigen. „Bin für euch da“, ist seine Botschaft, wenn sie wütend und unendlich traurig sind. Manchmal gelingt es ihm, die Kinder auf andere Gedanken zu bringen. Ein Ausflug an die Ostsee oder eine Anmeldung beim Tanzkurs wirkt dann ein bisschen wie Medizin. Doch solche Extras gehen nur, weil es Menschen gibt, die nicht nur Weihnachten an die Heimkinder denken. Die immer mal wieder ihre Bankkarte zücken oder einen Briefumschlag aus der Schublade ziehen. „Mit dem Geld vom Jugendamt können wir die Zimmer ausstatten, die Verpflegung wuppen, Schulsachen einkaufen“, zählt Max Wienecke auf. „Ausflüge an die Ostsee, ein Tanzkurs oder ein Besuch im Legoland in Dänemark, von dem alle noch Jahre später schwärmen, wären ohne Spenden niemals drin.“ Ein eigener Entenbraten Wie groß war daher die Freude, als kürzlich ein anonymer Umschlag im Briefkasten lag – mit 7777,77 Euro drin. Natürlich ist das nicht alles für Max Wieneckes Schützlinge. Zur Sozius Kinder- und Jugendhilfe Schwerin gehören noch drei weitere Kinderheime und vier Wohngruppen in der Stadt, in denen insgesamt 88 Kinder leben. Na immerhin müssen sie an Weihnachten nicht knausern. Entenbraten mit allem Pipapo soll es geben. In diesem Jahr will sich Max Wienecke erstmals an einen eigenen Braten wagen. „Gibt ja genug Videos auf Youtube“, sagt er und wirft noch einen Scheit in den Feuerkorb. „Das krieg ich hin.“...

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