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Unsere Redakteurin erkundet eine verborgene Welt : 525 Kilometer unter Schweriner Gullydeckeln

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Rattenpfoten trappeln leise durch die Kanäle, Nager quietschen in der Finsternis, Klumpen treiben im Abwasser - von wegen! Entgegen meiner Vorstellungen sind die Schmutzwasserkanäle unter Schwerin richtig sauber.

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erstellt am 28.Feb.2012 | 10:34 Uhr

Werdervorstadt | Rattenpfoten trappeln leise durch die Kanäle, kleine Nager quietschen irgendwo in der Finsternis, unbestimmbare Klumpen treiben im Abwasser - von wegen! Entgegen meiner Vorstellungen sind die Schmutzwasserkanäle unter Schwerin richtig sauber. Zwar hüllt mich ein abgestandener Geruch ein, der an Käsefüße erinnert, aber der ist kaum mehr als unangenehm. Der Wind pfeift kalt über den Gullydeckel, nasse Schneeflocken klatschen in den Untergrund, während in den Kanälen angenehme zehn Grad Celsius herrschen.

Etwa 525 Kilometer lang zieht sich das Abwassernetz unter der Landeshauptstadt hindurch. Für Altstädte wie Schwerin typisch, gibt es aufgrund der baulichen Enge auch 99 Kilometer Mischwasserkanäle. In denen strömt sowohl Regen- als auch Schmutzwasser, das aus Toiletten, Sanitäreinrichtungen, Küchen und Waschmaschinen stammt.

Ein Auto biegt von der Röntgen- in die August-Bebel-Straße ein, während das Wasser gleichmäßig unter der Fahrbahn entlang strömt. Es ist knöcheltief, meine Gummistiefel reichen zum Glück bis unter die Achseln. Das Wasser trägt aber keinen Unrat mit sich. Etwa fünf Liter pro Sekunde fließen zwischen meinen Füßen hindurch. Es ist ein relativ trockener Tag. "Bei Regen kommen bis zu 1900 Liter je Sekunde", sagt Jörn Reinhardt vom Schweriner Wasserver- und Entsorger WAG. Dann steige das Wasser bis unter die Decke der Röntgenkammer. Bei dieser Vorstellung wird mir mulmig. Zum Glück haben wir Winter, denn vor allem in den Sommermonaten seien die Kanäle ausgelastet. "Lang anhaltende Landregen sind in diesem Sinne weniger kritisch als kurze, sehr heftige Niederschläge", so Reinhardt. Etwa einmal im Jahr gäbe es so viel Niederschlag, dass der Kanal unterhalb der Röntgenstraße zu klein sei und das Wasser in den Ziegelsee abgeleitet werden müsse, erklärt er weiter.

WAG-Mitarbeiter reinigen Abwasserkanal

"Das ist aber dank moderner Berechnungs- und Baumethoden kein Problem für die allgemeine Gewässerbelastung", so Reinhardt. Schmutzwasser fließe gar nicht in die Seen, nur sehr stark verdünntes Mischwasser. Die Belastung der Schweriner Gewässer sei pro Jahr rechnerisch etwa genauso hoch wie sie bei Einleitung getrennt abgeleiteten Regenwassers wäre.

In der Praxis sei sie sogar noch deutlich niedriger, weil derzeit drei große Mischwasserspeicher betrieben werden - am Platz der Jugend, in der Geschwister-Scholl- sowie in der Bornhövedstraße. Diese Becken würden durch ihre Reinigungsleistung und ihr Speichervermögen die Gewässerbelastung weiter nach unten drücken. "Sie haben die Aufgabe, bei sehr großen Abflussmengen und Überlastung des Kanalnetzes das Wasser zwischenzuspeichern und bei nachlassendem Regen sukzessive wieder ins Kanalnetz zurück zu geben, damit es zur Kläranlage transportiert werden kann. Darüber hinaus üben die Anlagen durch Sedimentation und Rückhaltung von Schwimmstoffen auch eine Reinigungswirkung aus, die im Falle eines Überlaufens in ein Gewässer die Schadstoffeinleitung minimiert."

Etwa einmal im Monat steigen Mitarbeiter der WAG an den wichtigsten Wegpunkten in die Kanäle hinunter. Sie säubern die Abwasserleitungen und kontrollieren die Funktionstüchtigkeit der Anlagen, wie die der Röntgenkammer. Im Winter ein angenehmerer Job als im Sommer.

Schneegestöber empfängt mich oberhalb der Röntgenstraße. Ich bin froh, aus dem Ganzkörpergummistiefel zu kommen. Genau wie die WAG-Leute die Kanalisation reinigen, so haben sie mit meinen Vorurteilen aufgeräumt.

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