Kindesmissbrauch in Schwerin : 24-Jähriger vor Gericht

Staatsanwalt wirft dem beschuldigten Schweriner 33 Vergehen an minderjährigen Jungen vor

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12. März 2015, 21:15 Uhr

Die Zeugin kämpfte mit den Tränen und konnte nur stockend von dem Tag berichten, als sie vom Missbrauch ihrer Kinder erfuhr. Sie glaubte an einen üblen Scherz, als Spielkameraden ihrer Jungen darüber redeten, berichtete die 30-jährige Mutter gestern vor dem Schweriner Landgericht. Sie mahnte die Kinder, dass man darüber keine Scherze mache. Doch nach und nach stellten sich die Bemerkungen der Kinder als Wahrheit heraus. Ihre beiden Jungs gehörten zu jenen, die der harmlos aussehende junge Mann auf der Anklagebank im vergangenen Frühjahr und im Sommer immer wieder in seine Wohnung im Schweriner Norden lockte und sich an ihnen verging.

In einem der vermutlich größten Missbrauchs-Prozesse in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns wirft die Staatsanwaltschaft dem 24 Jahre alten Bürokaufmann 33 Taten an zehn Jungen im Alter zwischen sechs und 13 Jahren vor. In den meisten Fällen geht es um schweren sexuellen Missbrauch. Ihn erwartet eine mehrjährige Haftstrafe.

Um die Opfer und ihre Familien zu schonen, schloss das Gericht das Publikum aus, als die Staatsanwältin 15 Minuten lang die Anklage verlas. Die intimen Details der Taten und Details aus den betroffenen Familien waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Vor einer Grundschule und auf einer Freizeit-Anlage in Lankow soll der Angeklagte die Jungen angesprochen haben. In seiner „kumpelhaften, offenen Art“ spielte er mit ihnen Verstecken oder Fußball und gewann so ihr Vertrauen. Arglos gingen sie mit in seine Wohnung, offenbar auch nicht immer nur allein. Dort spielten sie Computer, machten Kissenschlachten. Dann zeigte er den Kindern offenbar Pornos – und verging sich an ihnen. In anderen Fällen soll er Jungs auch in den nahen Grünanlagen missbraucht haben. Als „Belohnung“, so heißt es, gab es auch einmal Süßigkeiten oder kleinere Geldbeträge.

Ans Tageslicht kamen seine Taten Ende September, als ein Zwölfjähriger seiner Mutter und seinen Großeltern von den Besuchen bei dem Angeklagten erzählte. Sie informierten die Polizei, die den Mann Anfang Oktober festnahm.

Seit dem Missbrauch ist aus dem Zwölfjährigen, der früher offen und unbekümmert war, ein zurückhaltender Junge geworden, der kaum noch draußen spielen mag, berichtete der Großvater vor Gericht. Früher habe er die Nähe seiner Großeltern gesucht, jetzt halte er sich eher auf Distanz.

In Fußfesseln war der Angeklagte aus der Untersuchungshaft in den Verhandlungssaal geführt worden. Zitternd saß er vor Prozessbeginn neben seinem Anwalt und verbarg vor den Fotografen sein Gesicht unter dem Jackett seines dunkelgrauen Anzugs. Als die Sitzung eröffnet wurde, kam unter der Jacke ein junges, ein wenig pausbäckiges Gesicht mit blondem Backenbart und moderner Brille zum Vorschein.

Nachdem die Anklage verlesen war, räumte der Verteidiger im Namen des Angeklagten alle Taten ein. Er wolle damit auch den Kindern ersparen, vor Gericht aussagen zu müssen. Er wisse, dass er schwere Schuld auf sich geladen habe und bereue seine Taten.

Je länger Richter Lessel ihn befragte, desto gelöster berichtete der 24-Jährige aus seinem Leben. Offenbar stammt er aus nicht ganz einfachen Familienverhältnissen, dennoch stehe seine Familie zu ihm, berichtete er. Seine sexuelle Neigung zu Kindern sei ihm bereits seit seinem siebzehnten Geburtstag bekannt. Seine Vorstrafen hätten damit zu tun, räumte er ein. Offenbar gab es mehrere Therapie-Versuche. In Berlin lebte er sogar zwei Jahre lang in einer Wohngemeinschaft für in dieser Hinsicht gefährdete Jugendliche. Sein Anwalt sagte, der Angeklagte sei bereit, in der bevorstehenden Haft sich umfassend wegen seiner Neigung zu Kindern behandeln zu lassen.

Die Anwältin Christine Habetha, die im Prozess die missbrauchten Kinder vertritt, zweifelt unterdessen am Erfolg einer Therapie. Denn wenn er wolle, habe der Mann seine Triebe durchaus im Griff.

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