Schwerin : 150 Pakete sind 150-mal Lächeln

100 Nationen in Schwerin – heute: Aristeidis Panopoulos aus Griechenland arbeitet als Zusteller und will sich weiterentwickeln

svz.de von
15. April 2019, 07:51 Uhr

Schwerin | Menschen aus 100 Nationen leben in Schwerin und Umgebung. Einige von ihnen sind bereits eine lange Zeit bei uns in Deutschland, andere erst wenige Wochen. Sie alle haben ihre Geschichte. Einige von ihnen stellen wir vor. Heute: Aristeidis Panopoulos aus Griechenland.

Im Wohnzimmer raschelt es neben dem weißen Rennrad, das an der Wand lehnt. „Das ist Feo“, sagt Aristeidis Panopoulos lachend, „Das Kaninchen einer Freundin. Es ist hier ein paar Tage zu Besuch.“ Auch Panopoulos kam als Besucher nach Schwerin. Im September 2015. „Ich wollte wissen, wie es Dimitri hier so geht. Dimitri hatte hier in Schwerin eine Ausbildung begonnen“, sagt Aristeidis Panopoulus, der seinen Freund für zwei Wochen besuchen will. Aus zwei Wochen werden erst vier, dann sechs Wochen und dann ruft er seinen Chef in Piräus an und sagt: „Ich bleibe erstmal in Deutschland.“

Geboren ist Panopoulos 1983 in Melbourne, Australien. Die Urgroßeltern waren dorthin ausgewandert. Seine Eltern zieht es zurück nach Griechenland und der dreijährige Aris muss mit. „Irgendwie war ich in Griechenland immer ein Ausländer. Mit dem Herzen bin ich da nie angekommen“, ist er überzeugt. „Meine Muttersprachen sind Englisch und Griechisch.“ Und so hat er auch zwei Staatsbürgerschaften: Australien und Griechenland.

Nach der Schule macht er in Griechenland eine Lehre als Installateur und arbeitet dort knapp zwölf Jahre in seinem Beruf. Hier in Schwerin besucht er erst einmal Sprachkurse und schwärmt von seiner Lehrerin. „Frau Brenner war klasse, ein echter Profi!“ Nebenbei jobbt er als Kellner am Domhof. Er beantragt die Anerkennung seiner Berufsausbildung. Nach den Sprachprüfungen B1 und B2 fängt Panopoulos bei einem Zeitarbeitsunternehmen an. „Hier und dort arbeiten. Ich wollte Erfahrungen machen. Wie läuft das hier in Deutschland? Was erwartet der Arbeitgeber? Was darf man, was darf man nicht?“

Im vergangenen Herbst wechselt er zum Paketdienst DHL. „Da bin ich Springer und warte morgens immer auf den Finger vom Chef, der mir sagt, wohin es geht. Er gibt mir auch gerne mal die schwierigen Sachen“, erzählt er lachend. „Das ist doch eine tolle Anerkennung! Ich hatte schon viele Touren und kenne Schwerin inzwischen ganz gut. Im Moment stimmen Bezahlung und Arbeitspensum, aber Weihnachten war es schon echt hart.“ Panopoulos beklagt sich nicht. „Was ich jetzt mache, mache ich sehr, sehr gerne. Morgens erstmal ins Fitness-Center, dann zur Firma. Dort lese ich eine halbe Stunde, bevor die Arbeit beginnt. Die Kollegen wissen das schon. Und dann geht’s los.“

Er liebt Bücher. „Ich habe Bücher gerne in der Hand. Viele Leute wissen nicht, wie man ein Buch richtig liest. Es gibt zwei Arten von Büchern: solche, mit denen man lernt und in die man etwas reinschreiben kann, und solche, die man liest und zu denen ich mir meine Notizen in einem kleinen Heftchen mache. Wenn ich das Buch später noch einmal lese, werden dann meine Gefühle und Gedanken nicht von meinen Markierungen im Buch beeinflusst und ich kann wieder etwas Neues in dem Buch entdecken.“

Zur Zeit liest er ein Fachbuch über NLP – Neurolinguistische Programmierung, auf Deutsch natürlich. Seine Begeisterung für das Lernen ist spürbar. „Ich möchte mich als Mensch weiterentwickeln. Said Baba hat einmal gesagt, wenn es einer kann, dann können wir es alle“, so Panopoulos. Sein Freund Dimitri hat seine Ausbildung abgebrochen und ist zurück nach Griechenland gegangen. Aris Panopoulos ist geblieben. „Sonntags ist bei uns ,Familientisch’. Da kochen wir mit Freunden aus Deutschland, Gambia, Griechenland und anderswo. Oft spielen wir hinterher etwas. Ich fühle mich hier frei und zu Hause. In drei Jahren habe ich geschafft, was ich in Griechenland zwanzig Jahre lang nicht geschafft habe: Auto, Wohnung, ein Freundeskreis, ein stabiles Leben und gute Möglichkeiten. Ich habe dort nichts anderes gemacht als hier. Aber hier ist das, was ich tue, wertvoll. Und ich kann mich weiterentwickeln“, sagt er und ergänzt, wie dankbar er für alle Menschen ist, die ihn hier in Schwerin bis heute begleitet und unterstützt haben.

Ob es denn nicht eine schwere Arbeit ist, die vielen Pakete auszuliefern? „150 Pakete am Tag heißt auch, ich sehe 150-mal ein Lächeln“, erklärt er schmunzelnd. Die Berufsanerkennung als Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klima durch die Handwerkskammer Schwerin war sein besonderes Weihnachtsgeschenk 2018. Fast zwei Jahre hat der Bearbeitungsprozess gedauert und mit Übersetzungen und allem Drum und Dran mehr als 1000 Euro gekostet. „Vielleicht kann ich ja den Meisterbrief machen oder ein Fernstudium. Veränderungen mag ich. Damit muss man klarkommen: neue Menschen, neue Aufgaben, neue Situationen. Diesmal dann eine neue Sprache, die technische Sprache, die ich noch nicht kenne“, so Aris Panopoulos. Und wie sieht er seine Zukunft? „An Geld wird es mir nicht fehlen. Die Frage ist doch, wie hoch kann meine Ebene sein als Mensch. Ich würde gerne etwas hinterlassen, was für die Welt wertvoll ist.“

Claus Oellerking


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen