Zahl der Adoptionen steigt in der Wirtschaftskrise

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21. April 2010, 09:55 Uhr

Güstrow/Rostock | Die Zahl der Adoptionen in der Region steigt. "Mit Hartz IV und in der Krise nehmen die Ängste zu", sagt Marlene Hensel von der Rostocker Adoptionsvermittlungsstelle, die auch zuständig ist für die Landkreise Güstrow und Bad Doberan. Zurzeit gebe es mehr Adoptionsfreigaben als noch in den 90er-Jahren, beobachtet Hensel. Soziale Härte und Verunsicherung bewegen Mütter dazu, ihre Säuglinge abzugeben.

Im Landkreis Güstrow wurden 2009 elf Kinder in Adoptivfamilien vermittelt, ein Jahr zuvor waren es sieben. Im gesamten Zuständigkeitsbereich der Rostocker Adoptionsvermittlungsstelle wurden im vergangenen Jahr 26 Säuglinge zur Adoption freigegeben. Bundesweit sinkt die Zahl seit Jahren kontinuierlich. 4200 Kinder wurden 2008 in Deutschland adoptiert, sieben Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor.

Die Zahl der Bewerber um ein Adoptivkind dagegen steigt. "Bundesweit sind es zurzeit weit über 10 000 Paare", sagt Marlene Hensel. In der Rostocker Adoptionsvermittlungsstelle gehen täglich Bewerbungen von Paaren ein. Hauptgrund sei die eigene Kinderlosigkeit.

Für die leiblichen Eltern, meist die Mütter, spielen vor allem materielle Überlegungen eine Rolle, ihre Säuglinge zur Adoption freizugeben. "Sie wünschen sich für ihre Kinder das, was sie selbst nicht haben, finanzielle Absicherung und eine harmonische Partnerschaft", sagt Marlene Hensel. Diese Mütter sollten daher auch nicht an den Pranger gestellt werden. "Sie sorgen mit ihrer Entscheidung dafür, dass ihre Kinder einen angemessenen Weg gehen können", so Hensel.

Menschen haben ein Recht auf Identität

Als Adoptiveltern kämen deshalb auch nur Paare in Frage, "die sich ein Kind auch leisten können". Nach deutschem Gesetz hätten zwar auch Alleinstehende das Recht, ein Kind zu adoptieren. Aber die Chancen für Einzelbewerber stünden auch aus finanzieller Sicht deutlich schlechter. "Uns ist wichtig, dass ein Elternteil gerade am Anfang viel Zeit für das Kind hat, notfalls seinen Beruf zeitweise aufgibt", sagt Marlene Hensel. Psychologen wissen heute, dass selbst Neugeborene durch die Trennung von der leiblichen Mutter ein Trauma erleiden. "Sie spüren, dass sie nicht da ist. Das speichert sich ins Unterbewusstsein", so Hensel. Um so wichtiger sei es, dass Adoptiveltern akzeptieren, dass das angenommene Kind zwei Paar Eltern habe. Dazu gehöre auch, dass Adoptiveltern die moralische Pflicht haben, ihr Kind über seine Herkunft nicht zu belügen, sondern aufzuklären. Bewerber würden in Gesprächen und Seminaren darauf vorbereitet. In manchen Fällen gebe es auch Kontakt zu leiblichen Müttern.

Heute seien Eltern in diesem Punkt ohnehin offener. Es gebe aber immer noch Erwachsene, die nicht wissen, dass sie adoptiert sind. "Diese Lüge ist, wenn es rauskommt, das schlimmste für sie. Jeder Mensch hat ein Recht auf Identität", sagt Hensel. Eine Hauptarbeit der Adoptionsvermittlungsstelle sei, bei der Identitätsfindung zu helfen. Mit 16 hätten Jugendliche das Recht, ihren Geburtseintrag einzusehen. Der werde spätestens bei einer Eheschließung ohnehin benötigt. Hensel und ihre Kollegen vermitteln Kontakt zu leiblichen Eltern und Geschwistern. Auch sie hätten ein moralisches Recht darauf, ihre zur Adoption freigegebenen Angehörigen zu treffen - in diesem Fall aber nur nach Zustimmung der Adoptierten.

Die Rostocker Behörde vermittelt ausschließlich Säuglinge. Später stimmten Eltern auch bei Entzug des Sorgerechts kaum Adoptionen zu, auch Waisen würden häufig zu Pflegekindern.

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