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Lokales

20. Oktober 2017 | 10:57 Uhr

Wurst und Käse mit Gebrüll

vom

svz.de von
erstellt am 20.Aug.2010 | 05:42 Uhr

ludwigslust | "Lecker, lecker, lecker!" tönt es über den Alexandrinenplatz in Ludwigslust. "Kommt mal ran hier, wollt ihr mal kosten?" brüllt Elli El Khouri alias Wurst-Elli den Marktbesuchern entgegen. Gestern war großer Marktschreiertag - lautstark boten Händler Wurst, Käse, Obst, Nudeln und Gebäck feil.

Wurst-Elli ist in ihrem Element. Rosemarie Frenzel hat sie schon geködert. "Hier, die dicke Große kommt auch noch rein" - damit meint die Marktschreierin eine überdimensionale Pfeffersalami - "noch ein Katenschinken, eine große Fleischwurst, bitteschön!" Die geschäftstüchtige Marktfrau hält der Rentnerin eine pralle Tüte hin. Frenzel zückt einen blauen Schein, freudig nimmt sie die Wurstration für die nächsten Wochen entgegen und packt ihn in den Fahrradkorb. Sie ist extra wegen den lautstarken Kaufleuten gekommen. "Das ist ein bisschen wie in Hamburg auf dem Fischmarkt", sagt sie. "Ich finde das herrlich, wenn die Marktschreier hier sind." Bei den Angeboten müsse sie einfach zuschlagen, sagt sie und lacht.

Nebenan, am Stand "Käse-Günni" versucht Wurst-Ellis Tochter, Melanie El Khouri, den Ludwigslustern eimerweise Käse zu verkaufen. "Komm mal ran, mein Engel", schreit sie voller Inbrunst einer älteren Dame entgegen. Die guckt weg und geht weiter. "Manchmal ist es schwierig", sagt die 34-Jährige. Bei vielen sitze das Geld nicht mehr so locker, das merkten die Marktschreier. "Nehmt mal Käse mit", ruft sie voller Inbrunst über den Platz. Aus dem Bauch müsse man schreien, verrät sie, sonst wird der Kopf rot und schmerzt. Am Anfang sei es noch ein komisches Gefühl gewesen, den Kunden entgegen zu brüllen. Aber mittlerweile könne sie sich gar nichts anderes mehr vorstellen. Eigentlich ist die Berlinerin Krankenschwester, aber sie zieht lieber mit ihrer schreienden Familie über die Märkte. "Das ist spannender", sagt sie grinsend. Geschlafen wird im Wohnwagen, die El Khouris sind die nächsten Wochen auf Achse. Am Wochenende schlagen sie ihr Lager in Parchim auf und brüllen um Kundschaft. Ihr Vater ist schon vorgefahren, um alles vorzubereiten. "Komm ran mein Engel, ich mach dir einen Eimer zurecht" ruft sie Gisela Hinrichs entgegen. Die Ludwigslusterin verlässt den Marktplatz schließlich mit einem Eimer Käse, einer Tüte voll Wurst und einem Obstkorb. "Für das Geld krieg ich das im Supermarkt nie", sagt sie. Die Marktschreier machen ihre Sache gut, findet die Ludwigslusterin. "Gerade wir Mecklenburger würden sonst nur gucken und vorbeigehen", flüstert sie. "Aber die locken einen ja richtig an!"

Am Obststand von Harry Stellmacher probiert Maria Lex mit ihrem Enkel Ole ein Stück Wassermelone. "Für den Kunden nur das Beste", brüllt der Obstverkäufer über ihre Köpfe hinweg. Mit Gefühl müsse man schreien, sagt er augenzwinkernd. Sind die Leute weiter weg, schreit er laut - "ich muss sie ja ran ziehen". Er packt noch ein extra Stück Wassermelone in den Korb, zu Bananen, Mandarinen und Trauben. Der zehnjährige Ole ist begeistert, seine Oma auch. "Ein Superpreis", so das Fazit der Rentnerin - "lecker" sagt Ole. "Ich bin nicht geizig, bloß ein bisschen hässlich", witzelt Stellmacher lautstark. Trainieren müsse er sein gewaltiges Organ nicht - "ich schrei einfach los und es wird immer besser", sagt der Warener und lacht dröhnend. Die Marktbesucher dürfen von einem Silbertablett Melone und Trauben kosten. Viele probieren, kaufen aber nichts. "Das ist schon okay, hier wird ja keiner gezwungen", sagt Stellmacher. Beklagen könne er sich aber nicht - weiter gehts, er packt den nächsten Korb voll.

Einen Stand weiter macht Cordula Niepel aus Glaisin Halt. Wurst und Käse hat sie schon im Gepäck, jetzt lässt sie sich von Roberto da Silva eine große Tasche voll Nudeln, Kekse und Salzgebäck packen. Für den Italiener ist das Geschrei "völlig normal". In Sizilien mache man das immer so auf dem Markt, sagt er achselzuckend. Für die Ludwigsluster hingegen ist der lautstarke Verkauf etwas Besonderes. "Ich freue mich immer auf die Marktschreier", sagt Cordula Niepel. Nudeln nehme sie grundsätzlich mit. "Heute ist es allerdings etwas mehr geworden", sagt sie und lacht. Außerdem spare man eine Menge Geld. Mit ihrer Schwester Verena Harms und zwei großen Taschen voller Leckereien macht sie sich auf den Weg nach Hause.

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