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Lokales

16. Dezember 2017 | 17:59 Uhr

Worte für das Unsagbare

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erstellt am 27.Mai.2010 | 07:40 Uhr

Neustadt-Glewe | Manchmal biegt er von der Straße in einen Waldweg ab und weint. Einige Gespräche mit Angehörigen sind selbst für Grabredner Hermann Eichler zu viel. Dann übermannt auch ihn die Trauer. Er hat schon mit vielen Hinterbliebenen gesprochen. Hat manche Träne über die Gesichter rollen sehen. Eine halbe Kleinstadt hat er schon zu Grabe getragen. 30 bis 35 sind es im Monat. Das Geschäft läuft gut. Eichler gestaltet jede Rede individuell. So etwas spricht sich herum. Die Menschen, für deren Tod er Worte fand, gehen in die Tausende. Säuglinge waren dabei, Kleinkinder, Schulkinder, Jugendliche, Mittelalte, Alte, Uralte.

Bei älteren Menschen sei der Abschied meist leichter. "Dann entspricht es dem üblichen Lauf der Dinge", erklärt Eichler, während er in seinem Wohnzimmersessel sitzt und eine Zigarette nach der nächsten raucht. Sterbe ein jüngerer Mensch, dann sei die Irritation für die Hinterbliebenen größer. "Wann bin ich dran?", diese Frage werfe der Tod jüngerer Menschen unweigerlich auf.

In den meisten Fällen melden sich die Bestatter bei Eichler und vermitteln. Häufig stellt der Grabredner seine Dienste dem Bestatter in Rechnung. Die Angehörigen zahlen ein Gesamtpaket für die Bestattung, in dem die Rede bereits enthalten ist. Rund 200 Euro kostet eine Grabrede von Eichler. "Damit liege ich zwar weit unter dem Stundenlohn eines Handwerkers, aber ich habe festgestellt, dass dies ein Preis ist, den die Menschen als angemessen empfinden", weiß der Grauhaarige mit dem Vollbart. Acht bis zwölf Stunden dauert die Arbeit des 62-Jährigen pro Fall. 170 bis 200 Kilometer ist er am Tag mit dem Auto unterwegs. Nicht nur im Landkreis ist er als Redner gefragt. Auch körperlich anstrengend ist seine Arbeit mitunter: Im Winter frostig, im Sommer schwitzig.

Zwischen Vorgespräch und Rede liegen einige Stunden Arbeit

Grundlage der Reden ist das Vorgespräch. Manchmal dauert es eine, manchmal vier Stunden. "Das kommt ganz auf den Verstorbenen an", sagt Eichler und schaut durch seine randlose Brille. Über manche Menschen gebe es viel zu sagen, über andere weniger. Manchmal werden ihm die Toten so lebendig geschildert, dass er es bedauert, sie nicht persönlich kennen gelernt zu haben. "Ich komme immer zu spät", sagt er und lacht.

Im Gespräch klärt der gebürtige Mecklenburger Herkunft, Elternbeziehung, Schulbildung, Beruf, Ehepartner und Lebensumstände des Toten ab. Ein ganzes Leben in einem Gespräch. Eichler macht sich per Hand Notizen. Von Fall zu Fall in verschiedenen Farben. Einmal, als er noch alles einfarbig notierte, sind ihm bei einer Vollbremsung alle Aufzeichnungen durchs Auto geflogen und durcheinander geraten. Eine Katastrophe für einen Grabredner. Auch ohne sein Notizbuch wäre der wortgewandte Neustädter aufgeschmissen. "Bitte melden, zahle Finderlohn", steht deshalb auf der ersten Seite des schwarz eingebundenen Buches. "Bis jetzt hat es immer geklappt", sagt Eichler und atmet erleichtert durch.

Sowohl vor dem Gespräch mit dem Bestatter als auch vor der Beerdigungszeremonie haben viele Angehörige Angst. "Ich muss Vertrauen aufbauen", sagt Eichler. Seine Stimme ist warm, tief und rauchig. Eine Mischung aus Sky du Mont und Eugen Drewermann.

Vom Blievenstorfer Pfarrer zum Grabredner

Früher war Eichler Pfarrer. Studierte Theologie in Rostock, arbeitete 12 Jahre in Blievenstorf. Auch Grabreden hielt er in dieser Zeit, wenn auch nicht so viele wie heute. Im Alter von 22 Jahren stand er zum ersten Mal als Redner an einem offenen Grab. Das war im August 1970.

Doch das Korsett der Institution Kirche wurde ihm über die Jahre hinweg zu eng. "Den Roten war ich zu schwarz und den Schwarzen zu rot", fasst Eichler es salopp zusammen. Aber auch nachdem er seinen Talar an den Nagel gehängt hatte, blieb er Christ. "Niemand kann mich aus Gottes Hand rauben", so lautet sein Credo. Pfarrer hätten im Gegensatz zu ihm den Vorteil, auf den Himmel und das Paradies verweisen und damit trösten zu können. Die meisten von seinen Reden sind nicht christlich geprägt.

Im ländlichen Raum groß geworden, bekam Eichler, dessen Vater Stifts propst war, seinen ersten Toten schon als Kind zu Gesicht. Damals sei es üblich gewesen, die Toten zu Hause aufzubahren, zu waschen und umzuziehen. "Das gehörte einfach dazu", erinnert sich Eichler und fingert eine Zigarette aus der Schachtel. Der moderne Mensch verdränge den Tod zusehends. Eine Tendenz, die Eichler bedenklich findet. Wer den Tod an den Rand dränge, der könne auch viel schlechter mit ihm umgehen, meint er. Der Tod - oder wie er es nennt "Das Ereignis mit den drei Buchstaben" - sei deshalb so schlimm, weil es das Ende aller Vorstellungen sei. "Dafür fehlen uns die Bilder", sagt Eichler. Manchmal flüstert er fast. Vor dem eigenen Tod hat er keine Angst. "Ich verspüre da eine Ruhe, die mich manchmal fast selbst verunsichert", sagt er und schaut in die Ferne.


Es klingelt. Ein Heizungsinstallateur in Blaumann steht vor der Tür. Das Thermostat ist defekt. Die Heizung lässt sich nicht mehr ausstellen und läuft auf Hochtouren. Eichler öffnet die Terassentür, um etwas Luft hereinzulassen. Dann macht er sich auf den Weg nach Ludwigslust. Zu einer Trauerfeier. Er wird auch heute wieder zu spät kommen. Und doch rechtzeitig.

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