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Lokales

14. Dezember 2017 | 03:42 Uhr

Wittenberger Alltag anno 1700

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erstellt am 03.Mai.2010 | 06:53 Uhr

wittenberge | Sensationelle Funde haben die Archäologen aus der Straße Hinter den Planken nicht vorzuweisen. Aber mit den Bauarbeiten konnten sie einige Details aus dem Wittenberger Alltag von vor knapp 300 Jahren aufhellen.

Wenn in der Altstadt gebaut wird, dann müssen Archäologen mit wachsamem Auge dabei sein, damit Funde aus diesem frühen Siedlungsgebiet an der Elbe gesichtet, gesichert und gegebenenfalls geborgen werden können.

Matthias Pytlik vom Archäologiebüro ABD Dressler ist der Mann, der den Männern der Grabower Tiefbaufirma über die Schulter und auf deren Arbeitsgeräte schaut. Die Stadt lässt seit Anfang April Hinter den Planken eine Regenwasserleitung verlegen, bevor die Straße zwischen Elbpromenade und Kirchstraße eine neue Decke und einseitig einen Gehweg erhält. Die Arbeiter gehen dazu gut einen Meter in die Erde.

Das sei nicht tief genug, um beispielsweise auf mittelalterliche Straßenbefestigungen zu stoßen, wie sie in den 90er Jahren in der Nähe des Steintors beim Straßenbau entdeckt wurden, sagt Pytlik. Der Fachmann ist aber auf Spuren gestoßen, die vom normalen Leben der Elbestädter im 18. Jahrhundert erzählen.

"In einer Tiefe von 1,10 Meter haben wir einen alten Straßenhorizont gefunden", sagt Pytlik. Während der Boden darüber relativ locker war, traf der Ausgräber in dieser Tiefe auf eine festgetretene Schicht. Der Archäologe ist davon überzeugt, dass hier im 18. Jahrhundert Wittenberger entlang eilten, Richtung Elbe und Hafen. Einer der Altvorderen hat dabei sein Pfeifchen geraucht. Es war nicht irgend eine Pfeife. Der Mann konnte sich etwas Gutes leisten. Seinen Tabak genoss er in einem Rauchgerät aus Gouda. Matthias Pytlik hat auf der historischen Straße den Pfeifenkopf gefunden. Dieser ist aus feinem weißen Ton, trägt eine Herstellermarke, die ihn als Import aus der holländischen Stadt Gouda ausweist. Pytlik schätzt, dass der Fund etwa aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammt. Aus dieser frühen Neuzeit stammen auch die Scherben, die die Geschichtskenner als die damals übliche Bauernkeramik identifizierten.

Mit großer Sicherheit lässt sich dank der archäologischen Baubegleitung jetzt auch sagen, "dass die Straße Hinter den Planken schon seit etwa 300 Jahren so wie heute verlief. "Wir haben den Ausbau nun schon über 100 Meter begleitet und keinerlei Hinweise auf Häuser im Straßenraum gefunden", erläutert der Fachmann, wie er zu dieser Schlussfolgerung kam. Groß ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass in der Mitte der 18. Jahrhunderts ein Schuhmacher seine Werkstatt Hinter den Planken hatte. "Wir haben auf dem alten Straßenhorizont Lederabfälle gefunden, die zweifelsfrei von einem Schuster stammen." Das alte Leder, an die 50 Stücke insgesamt, hat sich in der Erde gut gehalten. In einer Sohle, die nicht mehr zu verwenden war und deshalb weggeworfen wurde, stecken noch die Reste der Nägel und es zeichnen sich deutlich die Nagellöcher ab.

Sämtliche Funde sind geborgen worden. "Sie werden im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege aufbewahrt, stehen für spätere Forschungen zur Verfügung", erklärt Pytlik abschließend.

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