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Lokales

12. Dezember 2017 | 19:22 Uhr

Wipfelstürmer mit wackligen Knien

vom

svz.de von
erstellt am 07.Mai.2010 | 07:00 Uhr

Zippendorf | Wenn Dr. Olaf Kannt seinen Kletterhelm aufsetzt, die dünnen Spezialhandschuhe überstreift und sagt: "Wir haben hier das modernste Sicherungssystem der Welt, es kann nichts passieren", dann ist die Hälfte der Angst schon verflogen. Schließlich ist Kannt nicht nur begeisterter Kletterer, sondern auch erfahrener Kinderarzt. So einem Mann muss man doch vertrauen, oder? Trotzdem: Selbst die Hälfte der Angst ist noch zu viel. War das mit dem Test-Klettern vor der offiziellen Eröffnung wirklich eine gute Idee? Warum mache ich es nicht wie der Kollege vom Rundfunk, der sich seine O-Töne einfängt von den Neumühler Schülern, die hinter mir in ihre Gurte steigen und wesentlich entspannter wirken. Der Kollege selbst hat "heute leider einen schlimmen Rücken. Sonst wäre ich gerne mitgegangen." Ach was, faule Ausreden. Hinter vorgehaltener Hand wird schon gemunkelt, dass er Höhenangst hat. Denn klar ist: In 3 bis 13 Metern Höhe geht es nicht vorrangig um Sportlichkeit, sondern um die Konfrontation mit den verborgenen Ängsten. Oder dem inneren Schweinehund.

Meiner möchte jetzt gerne zurück in die Redaktion, auf den Bürostuhl, vor den Bildschirm. Dort ist es sicher und warm. Stattdessen klicke ich die zwei um mich geschnallten Spezialhaken an einem Übungsseil aus und wieder ein, sechs- bis siebenmal, klappt prima. Prinzip begriffen. "So und jetzt rauf auf den ersten Parcours, die Aufgaben zwischen den Bäumen erklären sich von alleine", sagt Dr. Kannt in diesem Tonfall, der suggeriert, dass alles gut wird. Seine achtjährige Tochter schaffe die erste Strecke mittlerweile in acht Minuten und traut sich bis auf Parcours Nummer drei. Sechs gibt es insgesamt, die Schwierigkeiten und die Höhen werden bei jedem größer. 50 Plattformen, neun Seilbahnen (die längste misst 110 Meter), schließlich der Tarzansprung an einer Liane - das sind die spektakulären Eckdaten des Schweriner Kletter waldes. Wer daneben greift oder tritt, stürzt nicht tief - am meisten leidet wohl das Selbstbewusstsein.

Geschulte Hochseilgartenretter pa troullieren unentwegt unter den Bäumen, schauen, ob sie helfen können, rufen aufmunternde Worte nach oben. Beim "Presseklettern" ist die Betreuung besonders exklusiv.

Also rauf auf den "Kinder-Parcours". Zur Ehrenrettung sei gesagt: Alle Kletterwald-Besucher müssen den absolvieren. Um das nötige Gefühl in den Füßen, Händen und im Kopf zu bekommen. Letzterer spielt, wie gesagt, die wichtigste Rolle. Noch keinen Meter über dem Boden, wenige Zentimeter hinter der rettenden Plattform, allein auf der ersten Hängebrücke wird er erstaunlich frei. Von Sorgen, Zweifeln und Alltags-Gedanken. Jetzt geht es nur noch darum, rüberzukommen. Bitte ohne abzurutschen und ohne sich allzu doof anzustellen. Den Ehrgeiz, elegant oder gar sportlich zu wirken, habe ich glücklicherweise bereits bei der Helmprobe mit Zopfgummi im Haar begraben.

"Sollen wir auf dich warten oder willst du da alleine durch?", fragen die jung-dynamischen Fernseh-Kollegen, die schon bei der TüV-Abnahme mitgeklettert sind. Auf Parcours sechs, wie sie ganz nebenbei erwähnen. Das ist der mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad, wo selbst Kletterwald-Besitzer Dr. Kannt zugeben muss: "Beim Tarzansprung habe ich gut zwei Minuten gebraucht, bevor ich mich habe fallen lassen."

Nein, vielen Dank fürs Angebot, geht ruhig schon mal vor. Und schwupps, weg sind sie. Derweil entwickelt sich eine perfekte Frauen-Solidarität mit der Kollegin hinter mir. Wir tauschen Kippel-Erfahrungen aus, verschnaufen gemeinsam , lachen über die Anweisungs-Schilder an den Bäumen und unsere feigen Fotografen auf dem Boden. Das Ein- und Aushaken klappt erstaunlich gut und plötzlich weicht die Angst der puren Begeisterung. Schon kommt die nächste Aufgabe. Hurra. Es schaukelt, schwingt, aber wir kommen ohne Stürze rüber - und merken gar nicht, dass wir schon ganz schön weit oben sind. Also doch keine Höhenangst? Oder nur keine Zeit, darüber nachzudenken?

Nach knapp 20 Minuten haben wir den ersten Parcours geschafft. Jetzt heißt es bloß noch in den eigenen Gurten Seilbahn fahren zum Ziel. Beim Absprung bleibt mein Mantel kurz an einem Holzblock hängen. Statt schwungvoll in die Tiefe zu gleiten, drehe ich mich zweimal um die eigene Achse und komme mir endlich vor wie Bridget Jones bei ihrem Feuerwehr-Einsatz. Die Kamera hat den peinlichen Moment festgehalten, die Kollegen lachen. Egal. Ich bin unten. Ich bin voll auf Adrenalin. Es war toll. Meine Kinder werden mich beneiden. Und ich komme wieder. Dann schaffe ich auch einen Erwachsenen-Parcours. Und irgendwann den Tarzan-sprung.

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