Wiepke durchbricht Schallmauer

Die blaue Schärpe vom Landeskontrollverband bescheinigt Wiepke, 100 000 Liter Milch gegeben zu haben. Landwirt Jacobus Bruijnen (4.v.r.), der vor  zehn Jahren den Milchhof in Steinbeck übernahm und nun zum ersten Mal so eine Spitzenkuh hat,  freut sich mit Familie und Mitarbeitern. rüdiger rump
Die blaue Schärpe vom Landeskontrollverband bescheinigt Wiepke, 100 000 Liter Milch gegeben zu haben. Landwirt Jacobus Bruijnen (4.v.r.), der vor zehn Jahren den Milchhof in Steinbeck übernahm und nun zum ersten Mal so eine Spitzenkuh hat, freut sich mit Familie und Mitarbeitern. rüdiger rump

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28. August 2010, 03:22 Uhr

Steinbeck | Sie ist zwölfeinhalb Jahre alt und wurde jetzt hoch dekoriert: Wiepke vom Milchhof der Familie Bruijnen in Steinbeck hat 100 000 Liter erreicht und damit so etwas wie eine Schallmauer durchbrochen. "Das ist eine Wahnsinnsleistung", sagt Helmut Schirmacher vom Milchkontrollverein (MKV) in Parchim, der 47 Betriebe zwischen Suckow, Friedrichsruhe, Mestlin, Goldberg und Wendisch Priborn in Sachen Milchqualität betreut. Die durchschnittliche Lebensleistung einer Kuh in Mecklenburg-Vorpommern liege derzeit bei 24 000 Litern.

Jacobus Bruijnen, der mit seiner Frau Johanna zwei Jahrzehnte lang einen Hof in den Niederlanden bewirtschaftet und dann mit dem in Steinbeck vor zehn Jahren einen Neuanfang gewagt hatte, steht die Freude ins Gesicht geschrieben. "Ich bin jetzt 30 Jahre Landwirt, aber eine Kuh mit 100 000 Litern Milch hatte ich noch nie." Wiepke habe er 2003, als der Familienbetrieb erweitert werden sollte, mit rund 30 anderen Kühen beim Landwirt W. S. Antonides in Friesland in den Niederlanden zugekauft, der die Milchproduktion einstellte. Da hatte sie schon drei Mal gekalbt. "Natürlich sucht man sich seine Tiere aus, aber dass so eine Spitzenkuh darunter ist, habe ich nicht geahnt", räumt der erfahrene Landwirt ein. Das sei wahrlich ein Volltreffer gewesen. Ob sich eine weitere Spitzenleistung in seinen Ställen anbahne, lasse sich momentan noch nicht abschätzen. "Die meisten Tiere sind noch jung. Erst mit sieben, acht Jahren lässt sich mehr sagen", so

Jacobus Bruijnen, der sich inzwischen über Verstärkung aus der Familie freuen kann. Die Söhne Paul und Bart haben Landwirtschaft studiert und sind in den Betrieb eingestiegen, Tochter Ellen folgt ihnen nach erfolgreicher Lehrausbildung beim Studium. Zum Betrieb gehören weitere vier Mitarbeiter und seit August erstmals ein Auszubildender, um das Problem des Fachkräftemangels selbst zu lösen, so Bruijnen.

Die Super-Kuh hat inzwischen noch sieben Kälber zu Welt gebracht und ist damit in ihrer zehnten Laktation, wie es fachmännisch heißt. Sonderbedingungen aber gibt es für sie nicht, Wiepke

bekommt das gleiche Futter wie alle anderen und läuft mit in der Herde. "Aber sie ist eine sehr starke Kuh, geht als erste in den Melkstand und dann wieder zurück ans Futter. Ein Tier mit dieser Leistung muss gern fressen. Das ist am besten vergleichbar mit einem Spitzensportler, der bei einem langen Wettkampf regelmäßig isst, um Energie aufzunehmen", erklärt Jacobus Bruijnen.

Dass die Sonderbehandlung einer Spitzenkuh nichts bringen würde, bekräftigt Lothar Stehr. "Das würde garantiert schief gehen", meint der Dütschower, der zum Gratulieren nach Steinbeck kam. "Das ist Mister 100 000 Liter in der Region", sagt Helmut Schirmacher lachend. Stehr hatte schon drei Tiere mit dieser Super-Leistung, zuletzt Clara im Februar 2009, aber auch einige, von denen er sich zum Leidwesen kurz vorher trennen musste. "Es ist nicht einfach, so eine Kuh zu halten", unterstreicht Lothar Stehr und fügt ein Kompliment für Wiepke an. "Das ist eine schicke Kuh, die bestimmt noch ein paar Jahre durchält."

Der Landeskontrollverband (LKV) der Milchwirtschaft erfasst die Leistung der Tiere. "Zwei Mal im Jahr verschaffen wir uns einen Überblick, und wenn eine Kuh etwa bei 94 000 Litern angekommen ist, behalten wir sie Monat für Monat im Blick. Manche scheitert leider noch kurz vor der magischen Grenze. Das ist dann besonders betrüblich", erzählt Helmut Schirmacher. Wiepke ist nun die vierte 100 000-Liter-Kuh im Bereich des Milchkontrollvereins Parchim in diesem Jahr. Es mache sich bemerkbar, dass die Landwirte mehr in den Komfort für die Kühe investieren. Und wenn diese sich wohler fühlen, geben sie mehr Milch und erreichen ein höheres Lebensalter, so Schirmacher. "Dadurch schaffen heutzutage mehr Kühe die 100 000 Liter." Sie blieben dennoch Ausnahmen. Der Rinderzuchtverband von MV und der Landeskontrollverband würden aktuell eine Lebensleistung der Kühe von durchschnittlich 30 000 Litern anstreben.

Jede Station der Tiere von der Geburt bis zum Schlachthof wird bundesweit im Herkunfts- und Identifikationssystem Tier, kurz HIT, festgehalten. Ein Rechenzentrum in München speichert die Daten und ermöglicht es, den Lebenslauf der Tiere zurückzuverfolgen. "Jedes Kalb muss dort angemeldet werden und bekommt eine Nummer", sagt der Steinbecker Landwirt. Auf seinem Hof haben die Tiere außerdem einen Namen, dafür sorgt seine Frau. Ein Buch mit Vornamen musste sie noch nicht zu Rate ziehen, wenn Kühe zugekauft werden, sagt Johanna Bruijen lachend, bislang habe das immer noch so geklappt. Und der weibliche Nachwuchs vom eigenen Hof bekommt den Namen der Mutter mit einer Nummer dazu, die männlichen Kälber werden gleich verkauft. Wiepke heißen schon vier junge Kühe. Von der Leistung ihrer Super-Mutter sind sie allerdings noch weit entfernt.

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