Wie Brandstifter "ticken"

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02. Juli 2010, 07:59 Uhr

Wittenberge/Hannover | Binnen weniger Tage sind in Wittenberge einige Container, eine leer stehende Möbelhalle und zuletzt ein alter Verwaltungsbau in direkter Nähe zu einer Wohnung angezündet worden. Die Polizei vermutet Brandstiftung - wie schon einmal in diesem und im vergangenen Jahr in der Elbestadt. Aber wie "ticken" solche Täter, wie gehen sie vor und was sind ihre Motive? Darüber sprach Claudia Rieger mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen in Hannover.


Die einfachste und vielleicht komplizierteste Frage zu Anfang: Warum legt jemand vorsätzlich Feuer?

Prof. Dr. Christian Pfeiffer: Zunächst einmal - Serienbrandstifter sind meist Männer, nur sehr selten Frauen. Wenn diese zu Brandstifterinnen werden, dann steht die Tat meist direkt in Verbindung mit den Menschen, denen das angezündete Haus gehört. Üblicherweise aber sind die Täter junge Männer, die sich im Alltag ohnmächtig fühlen. Sie bekommen in ihrem eigenen Leben wenig Anerkennung, machen wenig Erfahrung mit Selbstverwirklichung und ärgern sich darüber, dass anderen die Selbstverwirklichung besser gelingt.


Feuer ist Macht, Feuer zu legen, die Rettungseinsätze, die man damit auslöst, das Blaulicht - das ist für den Täter eine berauschende Machterfahrung. All das hat er ja selbst initiiert. Ihn faszinieren die Power der Situation, die erschrockenen Blicke, die Zerstörung.

Immer mal wieder hört oder liest man, Brandstifter seien zumeist selbst Feuerwehrleute. Stimmt das und wenn ja, warum?

Gemessen an der Zahl der aktiven Feuerwehrleute in Deutschland sind Serienbrandstifter wohl überproportional häufig selbst Mitglieder einer Feuerwehr. Zum einen kann ein solcher Täter damit sowohl seine Bedeutung als Feuerwehrmann als auch die der Wehr in den Mittelpunkt rücken. Bei dem Brandeinsatz kann man ja zeigen, wofür man so lange geübt hat und kann sich als Held inszenieren.

Damit gibt es in diesen Fällen ein Doppelmotiv. Feuerwehrmänner, die Brände legen, wollen einerseits - wie vorher beschrieben - persönliche Ohnmachtserfahrungen kompensieren und gieren nach Macht. Dazu kommt dann die Befriedigung, den Sinn der Feuerwehr zu dokumentieren.

Allerdings ist sicher nicht jeder zweite Serienbrandstifter ein Feuerwehrmann. Über derartige Fälle wird aber in der Presse meist intensiver berichtet, dadurch entsteht möglicherweise der Eindruck, dies komme besonders oft vor.

In dem aktuellen Wittenberger Fall ging - wohl durch die Hand desselben Täters - nach Containern und der leeren Möbelhalle ein Haus direkt neben einer Wohnung in Flammen auf. Werden Serienbrandstifter immer aggressiver, gefährlicher?

Es ist nicht selten, dass der Täter sich herantastet: Er fängt mit dem Anstecken zum Beispiel eines Heuhaufens an und endet bei einem Wohnhaus. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Drogenkonsum: Man beginnt klein und braucht dann immer mehr.

Bei den ersten gelegten, harmloseren Bränden, kommen zwar auch Polizei und Feuerwehr. Aber die Bevölkerung ist noch nicht wirklich beunruhigt. Das will der Täter steigern.

Im Übrigen bewegen sich auch die Medien mit ihrer Berichterstattung auf einem gefährlichen Pfad - zumindest, wenn sie Bilder vom Feuer und große Schlagzeilen bringen. Genau das befriedigt den Machtrausch des Täters und er muss für die nächste Tat die Schraube noch höher drehen. Insofern kann mediales Berichten den Trend verschärfen.

Ein Interview wie dieses aber könnte dem Täter den Spiegel seines Handelns vorhalten. Das ist schmerzhaft für ihn und könnte Einsicht bewirken.

Stimmt es, dass Brandstifter auch sexuell motiviert sein können?

Ja, aber das ist nur ein Sonderfall der eingangs beschriebenen Gründe für solche Taten. Wer gerade in diesem Bereich wenige Erfolge hat, berauscht sich im Ausgleich an der Macht des Feuerlegens. Im Gegensatz wird ein Jugendlicher, der von Mädchen umschwärmt wird und befriedigende sexuelle Erlebnisse hat, zumindest aus diesem Grund eher nicht zum Serienbrandstifter.

Wie gesagt, bei diesen Tätern geht immer um Kompensation von Schwächen und mangelndem Selbstbewusstsein. Der damit verbundene Wunsch nach Macht kann sich aber eben aus unterschiedlichen Quellen speisen - aus privaten, schulischen oder beruflichen. Manchmal auch aus allen zusammen.

Oft haben diese Menschen schon in der Kindheit nicht viel Liebe erfahren und von den Eltern damit nicht das Gefühl vermittelt bekommen, wertvoll zu sein. Ihnen fehlt etwas, das einem Heranwachsenden Selbstbewusstsein gibt. Das führt dazu, dass diese Menschen eher aktionsschwach sind, wenig zustande bringen.

Haben also tatsächlich alle Brandstifter dasselbe Motiv?

Nein, völlig von den bisher beschriebenen Tätern trennen muss man jene jungen Menschen, die in Großstädten - wie zuletzt in Berlin oder Hamburg - immer wieder Autos anzünden. Sie genießen auch die Macht, die ihnen das Feuer gibt, haben aber ein politisches Motiv: Sie wollen Staat und Polizei ärgern. Natürlich aber kompensieren auch diese Täter, zum Beispiel einen Mangel an politischer Durchsetzungskraft.

Auch hier sind die Täter meist jung. Die Jugend ist eine Phase der Übergänge. Junge Menschen sind in vielerlei Hinsicht noch nicht im Leben angekommen: Sie haben meist noch keine feste Beziehung, noch keinen Beruf, verdienen kein oder wenig eigenes Geld. In diesem Alter sind besonders junge Männer prädestiniert für so genannte Action-Delikte.

Vielen Dank für das Gespräch.

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