Boizenburg : Wer Windräder sät, erntet Energie

Auf dieser Fläche an der Strasse zwischen dem „Behr Gemüse-Garten“ und Badekow könnten drei bis vier Windräder aufgestellt werden, wenn die Untersuchungen ergeben, dass das Gebiet dafür geeignet ist.
Auf dieser Fläche an der Strasse zwischen dem „Behr Gemüse-Garten“ und Badekow könnten drei bis vier Windräder aufgestellt werden, wenn die Untersuchungen ergeben, dass das Gebiet dafür geeignet ist.

Die Stadtvertretung entschied gestern über die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit bei den Planungen zu Flächen für Windenergie

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19. Juni 2015, 08:00 Uhr

Viel Wind um nichts, könnte man meinen. Die SVZ erreichte eine Mail, die Stadt würde mit Windenergie-Riesen kungeln, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfahre. Die Leute reden von zu befürchtender „Verspargelung“ der Landschaft, von Verschandelung des Landschaftsbildes, von Lärmbelastung, Lichtverschmutzung und von Massenmord an Vögeln.

Worum geht es konkret? Die Stadtvertretung Boizenburg hatte bei ihrer Sitzung am 29. Januar den Aufstellungsbeschluss für die fünfte Änderung des Flächennutzungsplanes gefasst. Durch diese Änderung sollen Sonderbauflächen zur vorrangigen Nutzung von Windenergie ausgewiesen werden. Gestern hatten die Stadtvertreter über die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit bei diesem Verfahren zu entscheiden. Geplant ist eine Informationsveranstaltung und eine vierwöchige öffentliche Auslegung des Planungsvorentwurfs, zu dem sich die Bürger, die berührten Behörden und sonstige Träger öffentlicher Belange äußern können.

Hintergrund ist die Energiewende, die Umstellung der Stromerzeugung auf erneuerbare Energien, die die Bundesregierung in Angriff genommen hat.

Um eine willkürliche Aufstellung von Windrädern durch fremde Investoren im Stadtgebiet zu verhindern, hat sich die Stadt zur Flucht nach vorn entschlossen. Indem sie selbst Flächen zur Windenergienutzung ausweist, verhindert sie das Aufstellen von Windrädern außerhalb der von der Stadt dafür ausgewiesenen Gebiete. Die Kosten für die Vorplanungen und für die Untersuchung der in Frage kommenden Flächen haben die Versorgungsbetriebe Elbe übernommen, die schon seit fünf Jahren am Thema Windenergie interessiert sind. Letzten Endes kommt inzwischen nur noch eine Fläche tatsächlich für Windenergienutzung in Frage, wie die SVZ im Gespräch mit Bürgermeister Harald Jäschke und Lutz Heinrich, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU-Stadtvertreter und gleichzeitigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Versorgungsbetriebe Elbe erfahren konnte. Es ist eine Fläche von rund 37 Hektar südlich der Straße „Am Hag’n Böken“ zwischen der Firma „Gemüse-Garten“ Gresse und Badekow. Auf 10 Hektar nördlich dieser Straße könnte die Gemeinde Gresse ebenfalls eine Fläche für Windenergie ausweisen.

Insgesamt könnten auf dieser Fläche nur circa vier bis fünf Windräder aufgestellt werden - eine Option, die weit entfernt ist vom Horrorszenario eines riesigen Windparks direkt vor der Haustür.

„Die Windräder werden immer leiser“, erläutert Lutz Heinrich. „Heutige Räder machen Geräusche von durchschnittlich unter 30 Dezibel. Ein vorbei fahrendes Auto oder Stöckelschuhe auf Pflastersteinen machen Lärm in Höhe von durchschnittlich 60 Dezibel.“

„Aber warum die Eile?“, fragten noch vor einigen Wochen die Stadtvertreter der LINKEN. „Inzwischen haben wir uns Joachim Schöttler eingeladen, den Geschäftsführer der Versorgungsbetriebe Elbe, und unsere bisher eher ablehnende Haltung zu dem Thema geändert,“ erklärte Fraktionsvorsitzende Marlies Reimann der SVZ. „Herr Schöttler hat uns erläutert, wie das zum Beispiel mit der Förderung ist.“

Die Förderung für Windenergie wird Ende 2016 stark reduziert, wahrscheinlich auf die Hälfte der bisherigen Förderung. Damit sinken die Rendite-Erwartungen von jetzt durchschnittlich fünf Prozent enorm. „Und wenn jemand hier Windräder aufstellt, dann sollen das die Versorgungsbetriebe Elbe sein“, sagt Reimann.

„Wenn wir aus der Atomenergie aussteigen und den CO 2 - Ausstoß durch Kohlekraftwerke zurück fahren wollen, müssen wir auf erneuerbare Energien und Energiesparen setzen“, meint der SPD-Fraktionsvorsitzende Heinz Gohsmann. „Die SPD würde den Investor Versorgungsbetriebe unterstützen“.

Denn die Stadt Boizenburg ist zu 35 Prozent Teilhaber an den Versorgungsbetrieben Elbe. Gewinne durch die Windräder würden also der Kommune zu Gute kommen. Die Gewerbesteuer sowieso.

„Es bestehen auch Überlegungen, die Bürger an den Gewinnen durch die Windräder zu beteiligen, indem sie Anteile kaufen können“, sagt Lutz Heinrich.

„Aber was, wenn die Grundstückseigentümer ihre Flächen an einen anderen Investor als die Versorgungsbetriebe verkaufen, der ihnen mehr Geld bietet?“, fragt Rainer Wilmer, Fraktionsvorsitzender der BfB. „Das könnte niemand verhindern.“

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