zur Navigation springen
Lokales

20. November 2017 | 08:49 Uhr

Wenig Jubel zum Jubiläum

vom

svz.de von
erstellt am 03.Okt.2010 | 06:48 Uhr

Pritzwalk | "Was haben wir uns die Köpfe heißgeredet, Fraktionssitzungen bis nachts um 1 Uhr, wir haben gestritten, es ging hoch her." Aus Petra Hahn, Kreistagsabgeordnete von 1990 bis 1998 - also sowohl im Altkreis Pritz walk als auch danach im 1993 neu entstandenen Kreis Prignitz - sprudelt es nur so heraus, wenn sie von damals erzählt, sich an die Zeit von vor 20 Jahre zurückerinnert. Sie saß für die Fraktion der SPD im Kreisparlament, außerdem in der Meyenburger Stadtverordnetenversammlung, ist parteilos. "Ja, wir sind wirklich sehr kämpferisch angetreten, haben die Doppelbelastung, die teils endlosen Abendveranstaltungen in Kauf genommen", sagt Hahn. Elisabeth Albrecht aus Putlitz und Ilona Lemm aus Mesendorf, beide arbeiteten von 1990 bis 1993 im Pritzwalker Kreistag mit, können ähnliche Anekdoten beisteuern. "Wir haben wirklich einiges geschafft damals, als Abgeordnete", sagt Elisabeth Albrecht (Bauernverband). "Es gab so viele Neuerungen seinerzeit, man hatte zu tun, nichts zu verpassen", besinnt sich Ilona Lemm (Alternative Liste Pro Prignitz).

Realistische Betrachtungen

Alle drei Frauen - und auch viele andere weibliche Abgeordneten der ersten Stunde - arbeiten heute in keinem Parlament mehr mit. Ilona Lemm "übergab die Geschäfte" - wie sie sagt - an ihren Mann Hans-Werner (aktuell Kreistagsabgeordneter / Kreisbauernverband), Elisabeth Albrecht veränderte sich 1994 beruflich, außerdem kamen Enkelkinder in die Familie. Die Zeit fehlte. Petra Hahn zog sich aus persönlichen Gründen zurück, hatte keine Kraft mehr, das Ehrenamt auszufüllen.

Symptomatisch für den Verlauf der vergangenen 20 Jahre? Vielleicht ein wenig. Die Ansprachen auf der Festsitzung des Kreistags anlässlich des 3. Oktober, die am Sonnabend im Pritzwalker Kulturhaus stattfand, ließen jedenfalls darauf schließen und gaben Anstöße zum Nachdenken. Es waren weniger Jubelreden,, sondern viel mehr realistische Betrachtungen, die die Veranstaltung prägten. Viele Menschen, so Kreistagspräsident Dr. Ulrich Gutke, zögen eine ernüchternde Bilanz der deutsch-deutschen Vereinigung. Lebenserwartungen hätten sich oftmals nicht erfüllt. Eine gewisse allgemeine Sprachlosigkeit konstatierte Landrat Hans Lange in seiner Rede. Und Günther Seier, von 1990 bis 93 Präsident des Perleberger Kreistages, stellte fest, dass das nach der Wende aufgeflammte, so wichtige Nationalbewusstsein, das nationale Gefühl vielen wieder abhanden gekommen sei. Rüdiger Kurtz, SPD-Kreistagsabgeordneter, fordert, dass man die viel gepriesene Nachhaltigkeit auch im Umgang mit den Menschen vor Ort praktizieren sollte. Arbeit müsse so organisiert sein, dass man hoffnungsvoll eine Familie dort gründen könne, wo man aufgewachsen sei. Kurtz plädierte zudem für eine innere Einheit, die vor der Haustür beginne.

Paul Stets, Kreistagsabgeordneter für den Kreisbauernverband, erinnerte in seiner Rückschau an das Ausbluten der Landwirtschaft in der Prignitz nach der Wende, die Halbierung der Viehbestände, die Entlassung von rund 60 Prozent der Arbeitskräfte, die Quotierung für Agrarerzeugnisse. Allerdings, so Stets, habe sich der Wirtschaftszweig berappelt, gebe es heute 549 Landwirtschaftsbetriebe unterschiedlichster Rechtsform im Kreis (vor der Wende: 79), seien aus den ehemaligen ZBO (zwischengenossenschaftliche Bauorganisation) vielfach erfolgreiche Bauunternehmen hervorgegangen, die sich am Markt behaupten.

Zur durchwachsenen Bilanz, die vorgestern in Pritz walk gezogen wurde, gehörte auch, dass man Frauenpower und jugendlichen Nachwuchs in der Kommunalpolitik - speziell im Kreistag Prignitz - schon mit der Lupe suchen muss. "Und das, obwohl wir in der Jugendarbeit spezielle Projekte auflegten, die junge Leute - insbesondere auch Frauen - ermuntern sollen, in demokratischen Gremien mitzuarbeiten", spricht Petra Hahn aus ihrer beruflichen Erfahrung. Eine Aufgabe für die nächsten 20 Jahre - das sehen nicht nur Petra Hahn, Elisabeth Albrecht und Ilona Lemm so.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen