zur Navigation springen
Lokales

18. November 2017 | 05:46 Uhr

Welch ein Albtraum!

vom

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2010 | 08:33 Uhr

Schwerin | Die Reaktionen der Schauspieler am Donnerstag beim Schlussapplaus, der für eine E-Werk-Premiere eher verhalten ausfiel, sprachen Bände. Glücklichsein sieht anders aus. Was war geschehen?

Die gute Nachricht: Das Schweriner Schauspielensemble setzt die Wirklichkeitsbefragung mit junger Dramatik fort. In diesem Fall mit dem bereits an vielen Theatern erfolgreich gespielten Stück "Terrorismus" der Brüder Presnjakow und einer Bühnenfassung ihres ersten, gleichfalls gefeierten Romans "Tötet den Schiedsrichter", eine Uraufführung. Ralph Reichel war Autor dieser Spielfassung und zugleich Regisseur des zweistündigen Abends. Der, betrachtet man nur das Textmaterial, das Zeug zu etwas Großem hatte.

Das erste Stück, "Terrorismus", erzählt in kurzen, dramaturgisch raffiniert verbundenen Szenen und mit einer absurden, dem Leben abgelauschten Lakonie im Geiste Becketts oder Fernando Arrabals von Spielarten des Terrors jenseits von 9/11 oder U-Bahn-Bomben. Vom Terror in der Familie, unter Kollegen, unter Liebenden. Vom Terror, der in Wahnsinn umschlägt und neuen Terror gebiert und jeden zum Opfer und Täter werden lässt.

"Botschafter des internationalen Wahnsinns"

Im zweiten, längeren, zu langen Teil des Abends reisen drei russische Verlierer und ihre clevere, aber nicht minder durchgeknallte Freundin in die Türkei, um einen verhassten italienischen Schiedsrichter zu ermorden. Aus Rache für die neuerliche Demütigung der russischen Seele in einem natürlich gegen sie gepfiffenen und also verlorenen Fußball-EM-Finale. Man ahnt, warum ein Kritiker die Brüder Presnjakow "Botschafter des internationalen Wahnsinns" genannt hat.

Am Meer lernen die wackeren russischen Rächer dann die zweifelhaften Freuden eines All-Inclusive-Hotels samt Animationsdiktatur und Völlereihölle kennen, bis sie am Ende in der vernebelten Sauna zum finalen Schuss kommen. Wenn das kein Stoff ist! Das mag sich auch das Inszenierungsteam gedacht haben und griff hinein ins pralle Repertoire theatralischer Mittel aus dem Geist des Grotesken, der aber immer wieder mit der Klamotte mehr als liebäugelte. Verrückter Text, verrückt inszeniert - diese Rechnung ging nicht auf.

Weniger, bitte weniger

Weniger, bitte weniger, war man immer wieder geneigt zu rufen, wenn die Schauspieler überdreht und bedeutungsschwanger auf ihren Podesten umherturnten und nur allzuoft gezwungen waren, im wahrsten Sinne des Wortes ins Kunstgras zu beißen.

Den durchweg namenlosen Figuren des ersten Stücks tierische Attribute - Felle und Federn, Gegirre und Gefauche - zu erfinden, um ihnen so eine Individualität zu geben und den streng komponierten Dialogen etwas von ihrer Schwere zu nehmen, mag ja noch einzusehen sein. Und Brigitte Peters und Andreas Lembcke gelingt als alte Schachteln durchaus ein komisches Kabinettstückchen.

Im zweiten Teil dann nach der Pause aber gerät die Inszenierung vollends von der Rolle. Der folkloristische Auftritt wie bereits zu Beginn des Abends - warum nicht? Das Heraustreten der Spieler aus ihren Rollen - inzwischen ein probates Mittel. Aber das immer und noch einmal wiederholte Spiel mit den Klischees - vom saufenden, tumben Russen, von der liebessüchtigen Touristin fortgeschrittenen Alters, vom immer quietschvergnügten, radebrechenden, singenden und tanzenden Animateur war auf Dauer schwer zu ertragen. Dabei gab es auch die stillen Momente, in denen der Mensch und seine Geschichte hinter der Figur aufschienen.

Wer der Inszenierung dennoch wohl will, liest den ersten Teil des Abends als Traum des ängstlichen Passagiers auf seinem Flugzeugsessel und das zweite Stück als die trunkenen, abstrusen Phantasien unserer russischen Rächer. Im Träumen ist alles erlaubt. Aber dass dieser Abend der Traum von einem neuen, jungen Theater sein soll, können wir nicht glauben.Die nächsten Vorstellungen:

Heute, 30. Oktober, 19.30 Uhr, E-Werk;

Sonntag, 14. November, 18 Uhr, E-Werk

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen