Wehrdienst-Verweigerer im Bützower Gefängnis

Falk Bersch
Falk Bersch

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16. Oktober 2009, 08:50 Uhr

Bützow | Ein Thema mit aktueller Brisanz: Wehrdienstverweigerung in der DDR. Tausende junge Männer kamen, weil sie den Dienst an der Waffe verweigerten, ins Gefängnis oder wurden als Bausoldaten schikaniert. Mit einem Vortrag und einer Diskussion zum Thema endete gestern das siebente Häftlingstreffen.

Wehrdienstverweigerer kamen auch in die Bützower Haftanstalt. Von 22 Fällen weiß Falk Bersch. Der Mann aus Gägelow bei Wismar forscht zum Thema, vor allem aber zur Verfolgung von Zeugen Jehovas durch die DDR-Behörden. So seien 21 der 22 bekannten Wehrdienstverweigerer, die in Bützow einsaßen, Zeugen Jehovas gewesen. Der einzige, der nicht dieser Glaubensgemeinschaft angehörte, war Nico Hübner. "Sein Fall war besonders spektakulär", sagt Falk Bersch. Der Berliner Nico Hübner habe seine Wehrdienstverweigerung mit dem Verweis auf den entmilitarisierten Status Berlins begründet. Danach gab es in West-Berlin keine Wehrpflicht, die nach Auffassung der Westalliierten in ganz Berlin galt, jedoch die DDR für Ost-Berlin nicht anerkannte.

Nico Hübner wurde 1978 zu fünf Jahren Haft verurteilt und saß 1979 vor seiner Abschiebung in die Bundesrepublik in Bützow ein. "Zur gleichen Zeit wie ich. Er war ein paar Monate da", erzählt der Bützower Wolfgang Severin-Iben, ebenfalls politischer Häftling.

Falk Bersch konnte den Teilnehmern des Häftlingstreffens gestern weitere Fakten zur Wehrdienstverweigerung in der DDR, insbesondere in den drei Nordbezirken liefern.

Bereits 1948 habe es Anzeichen gegeben, dass der Osten Deutschlands wieder militarisiert werden sollte. 1952 wurden die kasernierte Volkspolizei, die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) sowie Betriebskampfgruppen gegründet, 1956 schließlich die Nationale Volksarmee (NVA). 1962, wenige Monate nach dem Mauerbau, wurde die Wehrpflicht eingeführt. "Ein Großteil der Bevölkerung lehnte sie ab, evangelische Kirchen protestierten", sagt Falk Bersch. Wenige Jahre zuvor hatte der Osten noch gegen die Einführung der Wehrpflicht in der Bundesrepublik protestiert.

Bei der Frühjahrsmusterung 1962 in den drei Nordbezirken gab es 231 Verweigerer, im Herbst 287, im Frühjahr 63 schon 439. Vielleicht waren diese Zahlen ein Grund, dass die DDR-Regierung dem Druck nachgab und am 7. September 1964 die Schaffung von Bausoldaten-Einheiten beschloss. "Das war einmalig in den Ostblock-Staaten", sagt Falk Bersch. Bis zum Fall der Mauer soll es laut Schätzungen 15 000 bis 16 000 Bausoldaten in der DDR gegeben haben. "Probleme gab es weiterhin. Sie ließen sich nicht politisch schulen, verweigerten das Gelöbnis und militärische Arbeiten", sagt Falk Bersch. So wurden Bausoldaten nicht selten auch militärgerichtlich verfolgt. Der bekannteste Fall ist der von Pfarrer und DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann, nach dem Mauerfall der letzte DDR-Verteidigungsminister.

Totalverweigerer gab es trotz Bausoldaten weiterhin. Der erste verurteilte Wehrdienstverweigerer im Nordosten war 1962 der Lübzer Willi Bittermann.

Wehrpflicht ist auch in unserer demokratischen Gesellschaft ein Thema und steht immer wieder zur Diskussion. "Die Wehrpflicht ist nur geduldet. Die Bundeswehr sollte in eine Freiwilligen-Armee umgewandelt werden", sagt Wolfgang Wagner, einer der Teilnehmer des Häftlingstreffens.

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