Warum darf Lucas hier nicht rein?

Lucas (6) darf zwar auf dem Schulhof der Diesterweg-Schule spielen, lernen muss er aber woanders.wolfried pätzold
Lucas (6) darf zwar auf dem Schulhof der Diesterweg-Schule spielen, lernen muss er aber woanders.wolfried pätzold

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13. August 2010, 09:29 Uhr

parchim | Der sechsjährige Lucas freut sich auf die Schule, in diesem Fall die Adolf-Diesterweg-Schule in Parchim. Nur leider darf er sie nicht besuchen, weil sie nach dem Schulgesetz MV nicht die "örtlich zuständige Schule" ist.

Lucas ist kein Einzelfall. Mehrere Eltern haben sich an die Parchimer Zeitung gewandt, weil sie ihre Kinder gern zur Diesterweg-Schule schicken würden, aber nicht dürfen. Sie haben alle ihre ganz persönlichen Gründe. Lucas zum Beispiel ist ein pfiffiges Kerlchen, das sich schon mit drei Jahren das Lesen selbst beigebracht hat. Am Spielcomputer interessierten ihn nämlich die Worte mehr als die Spiele. Deshalb attestiert ihm eine Diplom-Psychologin auch: "Er hat sich bereits selbst viele Fertigkeiten angelernt, kann lesen, schreiben und rechnen. Er benötigt daher im schulischen Alltag zusätzliche Herausforderungen, um nicht auf Unterforderung zu treffen." Weil Lucas also über gute intellektuelle Voraussetzungen verfüge, erhoffen sich seine Eltern die bestmögliche Betreuung in der Diesterweg-Schule, deren Lehrer sich auch entsprechend profiliert und fortgebildet haben. Begabtenförderung ist im Konzept der Diesterweg-Schule verankert.

Auch andere Eltern - zum Beispiel zwei allein erziehende Mütter, die Vollzeit arbeiten - dürfen ihre Kinder nicht in die Diesterweg-Schule schicken, weil sie nicht die im Schuleinzugsbereich festgelegte Einrichtung ist. Sie argumentieren, dass Anträgen befreundeter Eltern stattgegeben wurde.

Dirk Johannisson, Fachbereichsleiter Kultur, Jugend und Soziales in der Stadtverwaltung, darf zu einzelnen Fällen keine Auskünfte geben, verweist aber auf das Schulgesetz, das eigentlich nur drei "wichtige Gründe" nennt, um den Besuch einer anderen als der zuständigen Schule zuzulassen. Nach Paragraph 46 wäre das der Fall, wenn die Schule nur unter "erheblichen Schwierigkeiten" zu erreichen wäre oder "besondere soziale Umstände" vorliegen. Lucas Eltern berufen sich auf eine weitere Ausnahme. Die gelte, wenn "der Besuch einer anderen Schule dem Schulpflichtigen die Förderung spezieller Interessen oder Fähigkeiten erheblich erleichtern würde". Das passt eigentlich genau auf Lucas. Aber auch das Bildungsministerium akzeptiert dieses Argument nicht. Es verweist darauf, dass in allen Grundschulen Förderpläne die individuelle Unterstützung besonders begabter Schüler möglich machen. So würden Kinder "an allen Grundschulen unseres Landes" entsprechend ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten "gleichermaßen gefordert und gefördert". Die Eltern fühlen sich nach einem "monatelangen Brief- und Behördenmarathon" allein gelassen. Ihr Tipp: "Ziehen Sie in das Einzugsgebiet der Schule, die Ihren Vorstellungen und Wünschen entspricht." Denn warum postulieren Bildungspolitiker die Profilierung der Schulen, wenn Kinder und Eltern nichts davon haben? Angesichts der Tatsache, dass Familien tatsächlich schon zu ihren Lieblingsschulen ziehen, stehen die Zeichen offenbar auf wirklich freier Schulwahl. Organisatorisch müsste das zu bewältigen sein, wenn doch Bildung unser höchstes gut ist, wie in nahezu jeder Tagesschau zu hören ist...

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