Wariner Schützen droht das Aus

Tausende orange-farbene Wurfscheiben fliegen im Jahr über den Wariner Schießplatz. Norbert Linse (l.) und Klaus Daniel fürchten, dass dies bald Geschichte ist. Der Schützenverein soll für 10000 Euro den Boden rund um den Schießstand untersuchen lassen.Pubantz
Tausende orange-farbene Wurfscheiben fliegen im Jahr über den Wariner Schießplatz. Norbert Linse (l.) und Klaus Daniel fürchten, dass dies bald Geschichte ist. Der Schützenverein soll für 10000 Euro den Boden rund um den Schießstand untersuchen lassen.Pubantz

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01. Juli 2010, 11:21 Uhr

Warin | Klaus Daniel ist verzweifelt. "Ich weiß nicht, was ich machen soll", sagt der Kopf des Wariner Schützenvereins. In der Hand hält er ein Schreiben des Umweltamtes beim Landkreis Nordwestmecklenburg, Abteilung Abfallwirtschaft. Inhalt: die Ankündigung einer Anordnung, nach der der Schützenverein ein umfangreiches Gutachten über die Verunreinigung mit Schadstoffen rund um den Schießstand veranlassen soll. Sonst drohe ein Zwangsgeld von 10 000 Euro. Ein Vorgang, der nicht nur die Zukunft des Wariner sondern vieler Schützenvereine in MV verdunkeln könnte. Das Problem: Die Wariner Schützen schießen auf ihrem Schießstand mit Bleischrot in Richtung Norden; das meiste Blei landet auf benachbarten Grundstücken. So war das schon vor Jahrzehnten, als in der DDR-Zeit die Gesellschaft für Sport und Technik den Platz anlegen ließ. Seit den 1960er-Jahren wird in Warin-Graupenmühle geschossen. Seit September 2009 ruhen die Sportwaffen wegen eines Streits mit Nachbarn; bald könnte es auch mit dem Verein vorbei sein, fürchtet Klaus Daniel. Am 7. Juli will er die rund 85 Mitglieder darüber entscheiden lassen - Liquidation möglich. Bisher verließ sich der Verein auf den Bestandschutz für den Platz.

Denn der Vorgang, der jetzt auf dem Tisch liegt, überfordere den Verein finanziell. "Wer soll das bezahlen?", fragt der Präsident. Das Umweltamt fordert eine großflächige "Detailuntersuchung" in einem Radius von 250 Metern um die Schützenstände. Das bedeutet: vom Schießplatz aus über fremdes Land in Richtung Norden bis in den Wald hinter der Landstraße. Denn soweit fliege das Bleischrot, vermutet das Umweltamt. Dazu seien diverse Proben von Boden und Grundwasser, historische Recherche, Analysen notwendig. "Besonders zu berücksichtigen ist hierbei die Lage in einem Trinkwasserschutzgebiet", heißt es in dem Schreiben. Insgesamt seien elf Flurstücke zu untersuchen - sie gehören Privatleuten oder der Stadt Warin, nicht eines dem Verein, der Pächter des Areals mit Schützenhaus ist. "Wie sollen wir das machen?", fragt Klaus Daniel.

Was der Wariner nicht versteht: Es existieren bereits zwei Gutachten zur Verunreinigung der an den Schießstand angrenzenden Flächen. Warum also noch eines erstellen?, fragt Daniel. Beide Gutachten kennt auch das Kreisumweltamt und zitiert daraus. Demnach sei die Bleibelastung enorm, von 112,6 Tonnen gehe eines der Gutachten aus. Zu prüfen seien auch mögliche Verunreinigungen durch Reste der Wurfscheiben, die beim so genannten Trap-Schießen am Boden landen. Beides seien laut Umweltamt "umweltgefährliche Stoffe".

Der Verein könne jetzt Stellung nehmen, erklärt Landkreis-Sprecherin Petra Rappen: "Danach werden weitere Maßnahmen festgelegt, dabei könnte auch eine Abwandlung möglich sein." Es bestehe nun mal "der begründete Verdacht auf schädliche Bodenveränderungen in einem Trinkwasserschutzgebiet". Ein Gutachten könnte den Verein rund 10 000 Euro kosten, der Kreis könne Grundstücksbesitzer wenn nötig zur Untersuchung verpflichten.

Der Schock sitzt tief in Warin. Bis 27. August hat der Verein Zeit, auf das Schreiben zu reagieren. Klaus Daniel sieht eine lange Tradition den Bach runter gehen. "Der Verein war zu DDR-Zeiten Nachwuchsbringer für die großen Vereine." Europameister wie Jörg Garling oder Deutsche und Landesmeister hätten hier zum ersten Mal eine Sportwaffe in die Hand genommen. Erst vor wenigen Tagen seien die Jungen Jörn Baumann und Tim Quade mit Landesmeister- und Vizelandesmeistertiteln zurückgekehrt. Und der Verein habe eine soziale Funktion, sorge dafür, dass Jugendliche nicht "in Bushäuschen mit Alkopops landen", so Daniel. "Wir führen Menschen zusammen."

Dass Bleischrot auf anderen Grundstücken landet, bestreiten die Schützen nicht. Platzwart Norbert Linse erläutert: Die Kugeln flögen etwa 180 bis 200 Meter weit. Zu DDR-Zeiten sei die Munition weit schwerer gewesen, die Kugeln seien im Wald weiter nördlich zu Boden gegangen. Dafür könne aber der Schützenverein heute nichts, so Daniel. Möglich wären ein Schutzwall oder ein Fangzaun, um das Blei zu stoppen. Spätestens das wäre der Ruin für den Verein, so Daniel. Einen solchen Wall kenne er aus München: 18 Meter hoch, bestehend aus 25 000 Lkw-Ladungen Erde.

Letzte Hoffnung setzen die Schützen auf Gespräche mit Behörden und Nachbarn. Schon jetzt trainieren sie auf Anlagen in Brüel oder Heiligendamm. Klaus Daniel befürchtet das Ende der Schützen-Tradition in Warin nach 250 Jahren. "Im Rechtsstaat BRD - das kann ich nicht verstehen."

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