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NDRkultur nimmt Geläut von Kirchen in MV auf : Wariner Glockenklänge fürs Radio

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Gestern erklangen zu ungewohnter Stunde die Glocken der Stiftskirche. NDRkultur reist derzeit durch MV, um für eine zweite Staffel von "Unsere Glocken im Norden" die Glockenklänge weiterer Kirchen mitzuschneiden.

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erstellt am 29.Nov.2011 | 10:29 Uhr

Gestern Vormittag wunderte sich mancher Wariner, dass zu völlig ungewohnter Stunde die Glocken der Stiftskirche erklangen. Es gab einen einfachen Grund: Das Geläut sollte mit Mikrofon aufgenommen werden. Guido Pauling, Mitarbeiter von NDRkultur, reist derzeit durch Mecklenburg-Vorpommern, um die Glockenklänge weiterer 20 Kirchen mitzuschneiden. Damit soll im Februar 2012 eine zweite Staffel von "Unsere Glocken im Norden" starten. Die erste war im Januar und Februar diesen Jahres vier Wochen lang montags bis freitags um 7.10 Uhr auf diesem Sender zu hören.

Pastor Andreas Kunert freut sich, dass die Wariner Stiftskirche jetzt in die Auswahl gelangte, und brachte gern alle vier Glocken zum Klingen. Er verspüre jedes Mal ein gewisses Kribbeln, wenn bei Festen der Kirchgemeinde das komplette Geläut ertönt, genieße die unterschied lichen Akkorde wie die harmonischen Intervalle. Zwei Glocken gehen elektrisch, die beiden großen werden mit der Hand betätigt, durch ein Mitglied der Kirch gemeinde oder ihn selbst.

Die jetzigen Glocken aus Bronze, zwischen etwa 280 und mehr als 900 Kilogramm schwer, wurden erst 1998 gegossen. Die drittgrößte mit Schlagton B war die 100. Glocke, die nach Wiederinbetriebnahme der Glockengießerei Lauchhammer dort entstand, und wurde "mit großem Bahnhof", wie Kunert sich erinnert, an die Wariner Kirche übergeben. Die drei anderen Exemplare folgten Wochen später. Sie seien schön vom Klang und der Gestaltung, schwärmt der Pastor. Die Kirchgemeinde hatte Wert darauf gelegt, dass die Glocken auch noch nach 100 Jahren und länger die Menschen erfreuen. Weit über 100 000 D-Mark habe sie dafür bezahlt.

Aufschriften erzählen die Geschichte der Glocken und biblische Texte. Sie entstanden nach mittelalter licher Glockengießertradition: Die Zeichen wurden mit der Hand spiegelverkehrt in eine äußere Form geritzt und erschienen so in einem Guß mit der Glocke. Der am unteren Rand umlaufende Text gibt Auskunft, dass die Glocke I im Jahre 1500 umgegossen, 1921 eingeschmolzen und aus Eisen ersetzt sowie 1998 neu gegossen wurde. Die Inschrift am oberen Rand lautet: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Die 1878 geweihte Stiftskirche hatte mittelalterliche Glocken. Drei von ihnen wurden im Ersten Weltkrieg zu Kanonenfutter, erzählt Andreas Kunert. Die größte Glocke aus dem Jahre 1500 sei 1921 gegen drei aus Harteisen eingetauscht worden, die in Apolda entstanden, aber längst nicht die Lebensdauer ihrer Vorgängerinnen erreichten. 1992 mussten sie außer Betrieb genommen werden. "Das Pro blem war, dass der Rost von innen nach außen ging. Die Schäden wurden so groß, dass die Glocken nicht mehr geläutet werden durften", erklärt Kunert. "Von nun an war Warin eine stumme Stadt."

Vier Jahre hätten Mitglieder der Kirchgemeinde nach der alten Glocke von 1500 gesucht, immer hoffend, dass sie doch nicht eingeschmolzen worden war, sondern noch irgendwo ihren Dienst versieht. Aber das mittelalterliche Stück blieb verschollen. "Aus heutiger Sicht ein Sakrileg", so Pastor Kunert. Enttäuschung klingt noch heute in der Stimme mit. Als für die Wariner Kirchenleute die letzte Hoffnung schwand, sahen sie sich nach neuen Glocken um. Und es sollten wieder vier sein wie einst. Die werden nun sogar weit über Warin hinaus zu hören sein.

Das Glockengeläut von 80 Kirchen - jeweils 20 aus Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, 30 aus Niedersachsen und zehn aus Hamburg - wird samt Wissenswertem ab 20. Februar im Internet (www.ndr.de/ndrkultur) unter "Unsere Glocken im Norden" gestaffelt vorgestellt. Dann können die Hörer eine Woche abstimmen. Die fünf Kirchen mit den meisten Mausklicks sind bei NDRkultur in voller Klanggröße von Montag bis Freitag zu hören, wie Anfang 2011 jeweils um 7.10 Uhr das Geläut, um 11.40 Uhr und noch einmal am Nachmittag zu keiner festen Sendezeit die gleiche Glocke mit Informationen. Bei der Premiere schaffte es St. Georgen aus Parchim dank hoher Klickzahlen aus der Region auf den Sender. "Wir waren überrascht, wie gut diese Aktion bei unseren Hörern ankam. Kritik gab es erst, als wir damit aufhörten", erzählt Macher Guido Pauling schmunzelnd. "Die Entscheidung für eine neue Staffel Anfang 2012 wurde uns damit wirklich leicht gemacht."

Und weil der NDR Glockengeläut aus den drei anderen Bundesländern im Norden zu Hunderten in seinem Schallarchiv hat, aber so gut wie gar nicht aus MV, tourt Pauling nun hier durchs Land.

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