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Pyrotechniker Udo Lüttich lässt beim Piraten Open Air den Vulkan speien : Vulkanausbruch in Mecklenburg

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Ein lauter Knall, eine Flammenwolke, die aus dem Schlund des Picco los Torres in die Höhe schießt - die diesjährige Piraten Open Air-Inszenierung in Grevesmühlen endet mit einem Spektakel.

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erstellt am 22.Jul.2011 | 09:04 Uhr

Grevesmühlen | Ein lauter Knall, eine Flammenwolke, die aus dem Schlund des Picco los Torres in die Höhe schießt und Feuer-Bahnen, die an der Außenhaut des Vulkans herunter laufen - die diesjährige Piraten Open Air-Inszenierung in Grevesmühlen endet mit einem optischen Spektakel. Um solch ein fulminantes Finale in Szene zu setzen, bedarf es zündender Ideen. Ideen, wie sie Pyrotechniker Udo Lüttich hat.

Verflixt und zugenäht, irgendwann muss dieses defekte Druckbehälter-Ventil doch aufgehen. Ohne funktionierenden Druckbehälter werden später keine Kulissenstücke unter lautem Getöse aus der Kulisse des Klosters St. Ignatius gerissen. Und Getöse, Knall und Rauch - all das macht das Spektakel hier doch aus. Schon seit Stunden ist Udo Lüttich mit der Reparatur beschäftigt. Seine Hände sind Öl beschmiert und so schwarz, wie das T-Shirt, das er trägt und auf dessen Rückseite die Buchstaben SFX stehen. SFX, das steht für Spezialeffekte. "Kriegst Du das bis heute Abend hin?", fragt Marketingleiter Frank Markwardt. "Na klar, das klappt", antwortet Lüttich kurz und knapp. Auf Lüttich, sagt Markwardt, sei Verlass - und das ist bei dieser brisanten Materie für die Gesundheit der Akteure und für das Gelingen einer guten Show wichtig.

Vor dem Knall gibt`s viele Experimente

Rund 4,5 Kilo Schwarzpulver, 20 Liter Benzin und jede Menge Gas, das sind die Zutaten, die Lüttich vor jeder der insgesamt 68 Vorstellungen der aktuellen Aufführung "Die Hölle vor Maracaibo" verarbeitet. Er präpariert damit Flinten und Pistolen, sieben Kanonen und die Stellen in den Kulissen, in denen mit Druck die Fetzen fliegen sollen. Und da ist ja noch dieser Vulkan, dieses zwölf Meter hohe Ungetüm, das an der Vorderseite aus Spritzbeton besteht, und hinten von Holzgestänge und Stahlgerüst gestützt wird. Im Gerüst ist ein Tank befestigt, blaue Schläuche hängen von der Spitze der Vulkanatrappe bis zum Boden herunter. Nach Saisonende 2010 hatte sich Lüttich mit dem Bau dieser Attraktion beschäftigt, ab April etliche Experimente gemacht, um den Ausbruch des Picco los Torres so umzusetzen, dass ein A-ha-Effekt beim Publikum einsetzt. Wie die Technik genau funktioniert, das will er nicht preis geben. "Berufsgeheimnis", sagt der Chef der Firma Magiccrew Babelsberg.

Grevesmühlen, Babelsberg. Babelsberg, Grevesmühlen - Udo Lüttich ist ein Hans Dampf und pendelt zwischen beiden Orten hin und her. Beim Piraten Open Air in der mecklenburgischen Kreisstadt ist er von Beginn im Jahr 2007 dabei. Doch auch in den Filmstudios in Brandenburg lässt er es für Fernseh-, Theater- oder große internationale Filmproduktionen knallen und qualmen. "Beim Film ist die Arbeit erledigt, wenn die Szene im Kasten ist", sagt Lüttich. Während der Piratensaison, da müsse jedoch jeden Tag alles wieder neu funktionieren.

Vom Stuntman zum Pyrotechniker

Von Haus aus ist der gebürtige Berliner eigentlich Stuntman. Er ließ sich im Filmerfolg "Die Bourne Verschwörung" verprügeln, starb im Kriegsdrama "Duell - Enemy at the Gates" den Soldatentod oder stürzte im "V wie Vendetta"-Film in die Tiefe. Ein Stuntman, sagt Lüttich, der mag auch das Feuer. Seit 15 Jahren sorgt er nun selber für das Feuer, durch das andere Stuntman gehen. "Im Film lasse ich mich nicht mehr verprügeln. Das sollen mal die Jüngeren machen", sagt der 43-Jährige.

Die 1500 blauen Sitzschalen auf dem Gelände des Freilufttheaters sind noch leer an diesem Tag. Die ersten Gäste kommen erst in gut zwei Stunden. Zwischen den beiden Tribünen steht das steinerne Regiehaus, zu dem eine Stufen reiche Treppe hinaufführt. Es ist warm in dem Raum, der vollgestopft ist mit Technik. In einer Ecke sitzt Detlev Freier, dessen lange, graue Mähne selbst von einem Kopfhörer nicht zu bändigen ist. "Warm ist gut, dann kommen viele Gäste", sagt der Tontechniker, Musiker und Komponist, den hier alle nur Teddy nennen. Unterhalb eines der lang geschnittenen Glasfenster hat Udo Lüttich sein Schaltpult. Hier hat er den optimalen Überblick über das ganze Areal, hier laufen rund fünf Kilometer Draht zusammen, hier hat der Pyrotechniker seine Schalter und Knöpfe, die er für die rund 100 Spezialeffekte in einer der rund zweistündigen Vorstellungen braucht. "Benzinbombe Wrack", "Gas-Topf Treppe Kirche unten" oder "Semmelrogge -Knall" steht neben oder unter den Knöpfen auf kleinen Zettel geschrieben. Der Semmelrogge-Knall, das ist ein Pistolenschuss und das Startsignal für das Zugpferd der diesjährigen Saison. Dann hat Martin Semmelrogge, der den durchtriebenen Stede Bonnet verkörpert, seinen ersten Auftritt, und er reitet auf die Bühne. Udo Lüttich weiß genau, wann, wo, was explodieren muss, und er hat ein Auge auf alle Bewegungen der Darsteller. "Die Sicherheit ist das Wichtigste, aber ein kleines Restrisiko bleibt immer", weiß er aus Erfahrung. Vor langer Zeit, als Stuntman, da habe es mal seine Beine mit Verbrennungen dritten Grades erwischt.

Später, kurz vor Ende der Vorstellung, dann wird Lüttich auch den Knopf drücken, der den Vulkan speien lässt. Dass er speit, da ist sich das Team des Piraten-Open-Air-Theaters sicher. Die Crew-Mitglieder haben Lüttich den Spitznamen Blasius verpasst. Und auf Blasius, da ist Verlass.

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