Vorstand, Aufstand, Widerstand

<strong>Verfolgung oder Sicherheit?:</strong> Ein Schild am Eingangstor des Kleingartenvereins Medewege weist auf die Kameraüberwachung hin.
1 von 2
Verfolgung oder Sicherheit?: Ein Schild am Eingangstor des Kleingartenvereins Medewege weist auf die Kameraüberwachung hin.

svz.de von
27. Juli 2010, 07:09 Uhr

Gross Medewege | Auf dem Tisch stapeln sich Ordner, Schriftstücke, Akten. Daneben stehen eine Flasche Weinbrand und zwei Gläser. Und eine kleine Vase mit Rosen. Die Papiere sind Dokumente eines Staatsstreiches im Reich des Kleingartenvereins Medewege. Der Vorstand soll gestürzt werden. So will es jedenfalls Werner Schmidt. "Weg mit dem Vorstand", ruft er von der grünen Samt-Couch in seinem Wohnzimmer. Ganz so, als schwinge er vor einer Masse von Anhängern eine Rede. Doch da ist nur ein Mitstreiter, der gebannt an seinen Lippen hängt. Es ist Manfred Plath. Auch er bewirtschaftet einen der 239 Gärten des Vereins und hat einiges gegen den Vorstand vorzubringen.

Ex-Vorstand kämpft gegen Vorstand

Drei Jahre lang waren die beiden selbst im Vorstand des Vereins, Plath sogar Vorsitzender. Doch nach Querelen traten sie im Jahr 2000 zurück. Seitdem setzen sie alle Hebel in Bewegung, gegen den jeweils aktuellen Vorstand vorzugehen. Sie suchen nach Argumenten gegen die fünf gewählten Leiter der Sparte. Auf ihrer Suche sind sie gleich mehrfach fündig geworden. Sagen sie jedenfalls, sprechen von Unterschlagung, Veruntreuung und Skandalen. Auch der Staatsanwaltschaft hat Werner Schmidt die angeblichen Machenschaften des Vereins bereits gemeldet. Die Schweriner Staatsanwaltschaft bestätigt dies. "Ob es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, steht zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht fest", sagt der leitende Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz. Die Ermittlungen dauerten noch an.

Der Vorstand des Kleingartenvereins ist angesichts der schweren Vorwürfe fassungslos. "Ich kann kaum glauben, dass uns vorgeworfen wird, uns persönlich zu bereichern", sagt Vereinsvorsitzender Dietrich Kalke. Eine überhöhte Aufwandsentschädigung werfen Schmidt und Plath dem Vorstand vor. Die Ehrenamtspauschale beläuft sich pro Monat auf jeweils 150 Euro für den Vorsitzenden und die Schatzmeisterin, die anderen drei Mitglieder bekommen im Schnitt knapp 100 Euro. Insgesamt Kosten von etwa 7000 Euro im Jahr. Auf einer Mitgliederversammlung im April 2009 wurden diese Beträge festgelegt. Laut Manfred Plath auf Antrag des Vorstandes. Er bezweifle außerdem, dass der Vorstand die Pauschale versteuere. Darauf hat er vor zwei Wochen auch das Finanzamt hingewiesen.

Detlev Rauch, Vorsitzender des Landesverbandes der Kleingärtner in Mecklenburg-Vorpommern, schätzt die Beträge als hoch ein. "Es muss sich wohl um einen Verein handeln, der finanziell gut aufgestellt ist", sagt Rauch. Er selbst ist Vorsitzender des Kleingartenvereins Lindental in Neubrandenburg. 170 Gärten gibt es auf der Anlage, 30 Euro bekommt Rauch im Monat. Nur ein Fünftel von seinem Kollegen Dietrich Schwarz. "Wenn die Mitgliedersammlung diesen Betrag beschlossen hat, ist nichts dagegen einzuwenden", sagt Rauch. Der Verein könne es sich offenbar leisten.

Zinsen für Kapitaleinlage nicht an Mitglieder ausgezahlt

Dazu will allerdings nicht so recht passen, dass der Verein 1998 pleite war. Liquide blieb er damals nur, weil die Mitglieder für eine Kapitaleinlage sorgten. 100 Deutsche Mark zahlte jedes Mitglied ein. "Was macht der Verein mit den Zinsen für dieses Geld?", fragt sich Werner Schmidt und leert das Glas, das vor ihm auf dem Tisch steht. Er hat ausgerechnet, dass der Betrag bei einem Zinssatz von drei Prozent auf 70,16 Euro gestiegen sein müsse. Ausscheidende Mitglieder bekommen aber genau den Betrag zurück, den sie eingezahlt haben, bestätigt Dietrich Kalke: "Die Zinsen bewegen sich im Cent-Bereich und fließen in das Vereinsvermögen, das wiederum jedem Mitglied zugute kommt." Der Verein wirtschafte in die eigene Tasche, vermutet hingegen Schmidt.

Auch eine Videoüberwachungsanlage stört die beiden Vorschriften-Guerilleros. Seit Februar hängt eine Kamera am Vereinsheim und filmt in Richtung Eingangstor. "Wir sind hier Beobachtungen und Repressalien ausgesetzt", schimpft Schmidt. Aus dem Mund von Dietrich Kalke hört sich das ganz anders an: "Oft haben Mitglieder das Tor abends offen gelassen, so dass jeder auf unser Gelände konnte." Seitdem es die Kamera gäbe, sei dieses Problem zurückgegangen. Die Kriminalpolizei habe ihm gesagt, dass das Anbringen der Kamera rechtens sei. Außerdem würden die Bilder nicht archiviert. Eine Zustimmung der Mitglieder sei zu diesem Schritt nicht notwendig gewesen, so Kalke. "Wenn wir könnten, würden wir Schmidt gerne aus dem Verein ausschließen", sagt Kalke. Doch Schmidt und Plath denken nicht daran, das Feld zu räumen. Ihr Kampf geht weiter. Mit Vorliebe auch vor Gericht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen