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Fischer Johann-George Rettig kam 1961 nach Sternberg : Von Aal und einem halben Tag Arbeit

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An seinem Beruf hängt er mit ganzem Herzen, heute noch, nach gut acht Jahren als Rentner. Wer Johann-George Rettig kennt, zweifelt keine Sekunde: Der Mann ist mit Leib und Seele Fischer.

Sternberg | An seinem Beruf hängt er mit ganzem Herzen, heute noch, nach gut acht Jahren als Rentner. Wer Johann-George Rettig kennt oder ihm einfach nur zuhört, zweifelt keine Sekunde. Kaum zu glauben, dass Fischer nur zweite Wahl war. Eigentlich wollte er Förster werden, wie sein Großvater väterlicherseits. Dieser hatte sogar an Bismarck geschrieben, um dem Berufswunsch Nachdruck zu geben, deswegen aber hinterher "mächtig Ärger bekommen", erzählt Rettig. Und vergebens sei es obendrein gewesen. In dieser Beziehung hätten sich die Zeiten kaum geändert, der grüne Beruf sei offenbar hoffnungslos überlaufen. Als sich der angehende Abiturient in Eberswalde an der Forstwirtschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität dafür interessierte, "kamen 170 bis 180 Bewerber auf einen Stu dienplatz".

Gleich hinter Förster stand Fischer als Wunschberuf, weil der sich auch überwiegend in der Natur abspielt, seinerzeit jedenfalls. Innerhalb eines Jahres erwarb der Abiturient den Fach arbeiterbrief. "Wir waren drei Lehrlinge und drei Praktikanten in einer Art Forschungsanstalt. 100 Hektar Seenfläche macht im Produktionsbetrieb ein Mann. Deshalb hatten wir viel Netzarbeit zu erledigen. Die beigebracht zu bekommen, dauert seine Zeit. Zum Beispiel Stellnetze aus Perlondraht knüpfen oder knütten, wie im Norden gesagt wird. Wer sich eingefuchst hat, schafft 500 Knoten pro Stunde. Reusen haben wir gestrickt, damit wir das können; sie wurden sonst aus Netztüchern zugeschnitten. Was ich in der Zeit gelernt habe, kam mir später oft zugute. Netzarbeit mache ich noch heute", sagt Johann-George Rettig, von Vertrauten nur "Hans" genannt.

Nach dem Studium an der Berliner Humboldt-Uni zum Diplom-Fischwirt kam Rettig 1960 zum VEB Binnenfischerei in Schwerin, in dem er schon ein halbes Jahr Praktikum absolviert hatte. "Betriebsassistent nannte sich das; ich hatte keine feste Aufgabe, arbeitete dort, wo jemand gebraucht wurde. Am liebsten draußen, möglichst nicht in der Verwaltung", so Rettig. 1961 sei dann der Sternberger Fischer Wilhelm Schlage kurz vor dem Mauerbau in den Westen gegangen. Der Wariner Genossenschaft habe er wohl nicht beitreten wollen, weil "die sich alle nicht grün waren", wie es geheißen habe. Die Stadt hatte die Seen privat verpachtet und wollte das wohl auch weiterhin, erfuhr Johann-George Rettig später. Doch nichts von dem, Sternberg wurde Betriebsteil des VEB Binnenfischerei und der junge Betriebsassistent Wirtschaftsleiter. Ein Datum hat der heutige Rentner nicht parat, ihm sei jetzt aber sein erster Lieferschein von Ende Mai 1961 in die Hände gefallen. Damit ist ein halbes Jahrhundert voll, in dem Fischer Rettig zu einer Institution in Sternberg wurde. Dass er hier seine Frau Hannelore kennen gelernt hatte, sei ein Grund mehr gewesen, zu bleiben und sesshaft zu werden.

"Zu DDR-Zeiten war es leichter in so einem Betrieb. Wir waren relativ selbstständig, hatten einen Plan und wussten, was wir ausgeben durften. Wenn das stimmte, war meist Ruhe", so "Hans" Rettig. Natürlich könne er eine Episode nach der anderen erzählen, über die heute geschmunzelt werde. "Wir haben elektrisch gefischt. Als der Kollektor kaputt war und sich nicht mehr reparieren ließ, bin ich mit Aal zum Herstellerbetrieb gefahren und mit einem neuen Kollektor zurückgekommen", nennt der Fischer nur ein Beispiel. Wenn mit Aal gewunken wurde, klappte das mit Material oder Reparaturen. Er habe sich auch "gar nicht schuldig gefühlt", so lange das für den Betrieb von Nutzen war. Oder der Aal-Verkauf direkt vom Fischereihof. Das war nicht erlaubt, also sei dieser Aal über den Konsum in Karpfen umgerechnet worden. Private Vorteile habe er aber tunlichst vermieden.

Schon ab 1962 sei versucht worden, den Aalfang "DDR-weit zu streuen, doch das meiste blieb kleben. Dadurch hat die Bevölkerung den später verstärkten Export gar nicht bemerkt, weil es schon vorher keinen Aal in den Geschäften gab. Aber ich habe gelesen, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Aal in Deutschland statistisch etwa gleich ist wie früher in der DDR. Hat doch gereicht", sagt der Fischer und lacht.

Der Direktverkauf unter der Hand sollte später zum Vorteil werden. "Dadurch gab es einen Kundenstamm, als wir uns nach der Wende in zwei Betrieben selbstständig machten, Wilfried Frischke mit den Oberen Seen und der Teichwirtschaft und wir zu dritt hier als GbR. Das war eine verrückte Zeit. Wir konnten nicht einmal darüber schlafen, ob wir bei dem großen Haufen bleiben oder unseren eigenen Weg gehen. Innerhalb einer halben Stunde mussten wir uns entscheiden", erzählt Johann-George Rettig und fügt traurig hinzu: "Meine jüngeren Kollegen Heinz Klug und Peter Langpap sind dann leider innerhalb kurzer Zeit verstorben. Ob ich allein die Selbstständigkeit gewagt hätte, glaube ich kaum. Doch im Nachhinein gesehen, war es richtig."

Als Fehler sieht Rettig, den Fischladen vom Konsum übernommen zu haben, "bevor uns den jemand anders wegschnappt". Die Kosten liefen davon, "wir haben 20000 D-Mark Miese gemacht und mussten verkaufen". Der erste Verkaufswagen wurde 1991 angeschafft.

65 geworden, übergab "Hans" Rettig die Sternberger Seenfischerei zum 1. Januar 2003 an Sohn Jörg. "Unsere Tochter, studierte Diplom-Fischereiingenieurin, hatte abgewinkt. Sie wusste, wie körperlich anstrengend und zeitaufwändig der Betrieb ist, für sie als Frau einfach nicht machbar", erklärt der Senior. Auf einem Treffen von Berufskollegen habe er mal in lockerer Runde eingeworfen, den halben Tag zu arbeiten. Als ihm jemand aus einer Genossenschaft entgegnete, er hätte Vollzeit, bekräftigte Rettig verschmitzt den halben Tag: von sieben bis sieben.

Die praktische Betriebsübergabe ging schneller als geplant. Das Ehepaar Rettig kam von einer Busreise aus Kroatien. Auf der A9 bei Niemegk plötzlich ein Stau. Ungebremst kracht ein Sattelschlepper aus Österreich, dessen Fahrer durch einen Herzinfarkt offenbar schon tot war, auf den Sternberger Bus am Stauende. "Wir hatten mehrere Schutzengel, aber ich war vom Hals an gelähmt, musste sofort operiert werden und erst wieder lernen, mich zu bewegen. Es ist nicht ganz wie früher, aber ich bin zufrieden."

Jörg Rettig, 46, bereut die Betriebsnachfolge nicht. "Alle, die Arbeit haben, müssen hart ran." Ab der achten Klasse als Segler an der Sportschule, 1983 Junioren-Weltmeister in der 470er-Klasse und "paar Mal DDR-Meister", gab es in der Zeit nur noch nicht den Bezug zur Fischerei, wie er heute sagt, umso mehr zum Wasser. Er hat dann Fischer gelernt und seinen Meister gemacht. Der größte Teil des Umsatzes resultiere inzwischen aus Handel und Veredlung. Was der Fischer selbst fängt, mache höchstens noch ein Viertel aus. Und die oft beschriebene Romantik? Jörg Rettig lächelt.

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erstellt am 06.Jun.2011 | 07:51 Uhr

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