Vollzeit-Job reicht nicht zum Leben

Arm trotz Arbeit: In Schwerin gibt es rund 3700 Menschen, die nicht von ihrem Verdienst leben können und deshalb Leistungen von der Arge erhalten. Der Anteil der so genannten "Ergänzer" an der Gesamtzahl der Arbeitslosengeld- II-Empfänger liegt mittlerweile bei 30 Prozent. Besonders betroffen sind unter anderem Beschäftigte in der Pflege- und der Call-Center-Branche.

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10. Juli 2009, 07:59 Uhr

Schwerin | Eine junge Frau, allein er ziehend mit Kind, arbeitet 30 Stunden in einem Pflegeheim - und muss mit 750 Euro aus kommen. "Dieses Geld reicht nicht zum Leben", sagt die stell vertretende Vorsitzende des Arbeitslosenverbandes, Heidelore Schulz. Sie kennt viele solcher Fälle, in denen dann die Ar beitsgemeinschaft zur Grund sicherung (Arge) einspringt.

Rund 3700 Menschen gibt es in der Landeshauptstadt, die von ihrem Verdienst allein nicht leben können und deshalb Leistungen von der Arge erhalten. "Der Anteil der Personen, die ergänzende Leistungen be kommen, an der Gesamtzahl der Arbeitslosengeld-II-Empfänger ist innerhalb von zwei Jahren von 25 auf 30 Prozent gestiegen", sagt der stellvertretende Geschäftsführer der Schweriner Arge, Ludger Meer. Wie alarmierend die Situation ist, zeigt auch diese Zahl: Von den mehr als 2000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten "Ergänzern" befinden sich etwa 70 Prozent in einem Vollzeit-Job.

Besonders betroffen sind laut Meer unter anderem auch Beschäftigte in der Call-Center-Branche, im Wach- und Sicherheitsgewerbe sowie im Handel. Wie viel Geld ein "Ergänzer" von der Arge erhalte, richte sich nach den konkreten Lebensumständen. Dabei würde die familiäre Situation genauso berücksichtigt wie weitere Einkünfte, so der stellvertretende Arge-Chef. "Grundsätzlich haben wir natürlich den Anspruch, jeden unserer Kunden aus seiner Hilfebedürftigkeit zu befreien", sagt Meer. Deshalb bemühe sich die Arge auch Personen, die ergänzende Leistungen erhielten, in eine besser bezahlte Tätigkeit zu vermittelt. Der Arbeitsmarkt lasse aber wenig Spielraum.

Gewerkschafter wie ver.di-Sekretärin Diana Markiwitz sehen sich angesichts der hohen Zahl von "Ergänzern" in ihrer Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn bestätigt. "In der Call-Center-Branche etwa werden derzeit Stundenlöhne von 5,50 bis 6,80 Euro gezahlt. Ein Mindestlohn von 7,50 Euro würde die Situation schon ver bessern", so Markiwitz. Demütigend für die Betroffenen sei derzeit nicht nur, von einem Vollzeit-Job nicht leben zu können, sondern auch der ständige Gang zur Arge. "Die ergänzenden Leistungen werden auf der Grundlage des tatsächlichen Verdienstes jeden Monat neu berechnet", erklärt die Gewerkschaftssekretärin.

"In der Pflege ist der 30-Stunden-Vertrag leider die Regel", sagt Hans Sieweke, bei ver.di für den Gesundheitsbereich zuständig. Dass sich Beschäftigte wie im Beispielfall wegen ergänzender Leistungen bei der Arge meldeten, sei also kein Einzelfall. Nach Angaben von Heide lore Schulz vom Arbeitslosenverband kommt es dabei allerdings auch vor, dass Betroffene weitergeschickt werden: "Klienten berichten uns, dass sie zunächst aufgefordert wurden, Wohngeld zu beantragen."

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