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Verwöhnter Wessi erkundet die brandenburgische Provinz

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erstellt am 25.Okt.2010 | 09:43 Uhr

Potsdam/Berlin | Am Ende ist tatsächlich eine dicke Freundschaft entstanden, eine Freundschaft zwischen den vermeintlich hinterwäldlerischen "Ossis" aus der brandenburgischen Provinz und dem schillernden "Wessi"-Reporter aus der Hauptstadt Berlin. Drei Monate brachte Schriftsteller und Journalist Moritz von Uslar in einer Kleinstadt an der Havel für seine Langzeitreportage "Deutschboden" zu. Herausgekommen ist eines der besten Bücher über Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. "Mir hat das gut getan. Ich bin da sehr gerne gewesen", sagt der 40-Jährige im Rückblick über den Ort im Ruppiner Land, in dem er anfangs vor allem eines verspürte: "Angst".

Alles beginnt im Frühjahr 2009 mit einer Idee, vorgetragen im Promi-Restaurant "Grill Royal" in der Berliner Friedrichstraße. Bei Steaks und Champagner eröffnet Uslar Freunden, er wolle für ein Vierteljahr abhauen, "dorthin, wo kaum ein Mensch von uns je vor uns war - nach Hardrockhausen, Osten". Dort werde er als Reporter aufmerksam zuhören, zugucken und alles erfahren "über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart". Reaktion der Runde: Schweigen und ratlose Gesichter. Ein Freund warnt: "Das kann richtig düster werden."

Doch Uslar macht sich auf den Weg, im Gepäck allerhand Klischees über den "Wilden Osten" und seine Bewohner. Nach einigem Suchen scheint ihm "Oberhavel" - der Name ist fiktiv - ideal für seine Reportage, eine Kleinstadt 50 Kilometer nördlich von Berlin: nicht zu klein, nicht zu groß. Anfangs erscheint sie dem Großstädter langweilig und harmlos. "Da preschte ein Skinhead-Kämpfer auf einem Mountain-Bike - geschätzte 18 Jahre alt, im Achselhemd und mit einem etwa hundert Kilogramm schweren Armeerucksack auf dem Rücken - die Straße herunter." Sofort ist der Reporter wieder glücklich. "Sah super aus. Es ging nicht viel schöner."

Nun darf man vom Gesellschaftsjournalisten Uslar eine differenzierte Betrachtungsweise sozialer Milieus erwarten, und die liefert er auch ab. Nachdem er sich in einer Pension einquartiert hat, geht der Autor so unvoreingenommen wie möglich an seine Untersuchung, nimmt seine Eindrücke aber mutig subjektiv auf.

Mal beim Zechen mit den Einheimischen in der Gaststätte "Schröder" bis tief in die Nacht, mal beim Besuch im Proberaum der Punkband 5 Teeth Less, mal beim Grillfest mit Deutschlandfahne. "Ich habe versucht, weder zu romantisieren noch schwarzzumalen", sagt Uslar. Schließlich sind es fast 400 Seiten, die seine Beschreibung von Oberhavel einnimmt. Auch wenn der Ost-West-Aspekt darin eine wichtige Rolle spielt, insgesamt ist "Deutschboden" mehr als ein Wessi-Bericht über eine Ost-Kleinstadt. Es ist eine Beschreibung Deutschlands, wie es sich überall außerhalb der Großstädte zeigt. "Man hätte das Ganze auch genauso gut in einer Kleinstadt in Oberfranken oder in der Eifel spielen lassen können", sagt Uslar.

Wichtig war ihm, sich wirklich einzulassen auf die Bewohner und deutlich länger zuzuhören, als dies Journalisten gemeinhin tun. Mit seiner in "Deutschboden" beschriebenen Realität sind trotzdem nicht alle Bewohner von Oberhavel glücklich. Das Ehepaar aus seiner Pension beschwert sich, dass der Schriftsteller sie zum "Gespött" der Leute gemacht habe. Jedes noch so unbedeutende Gespräch habe er "ausgeschlachtet", meckern sie in einem Lokalblatt.

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