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Sexueller Missbrauch im DDR-Kinderheim / Spur führt nach Mecklenburg : Verrat an einem "behüteten Ort"

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Eine Holztreppe führt nach oben. An Wandfliesen vorbei steigt das Mädchen hinauf. Einmal noch muss es um die Ecke, dann schließt sich die Tür hinter ihm. Was in dem Zimmer geschieht, macht Petra J. krank, zeitlebens.

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erstellt am 01.Jul.2011 | 12:13 Uhr

Schwerin | Eine Holztreppe führt nach oben. An Wandfliesen vorbei steigt das kleine Mädchen hinauf. Einmal noch muss es um die Ecke, dann schließt sich die Tür hinter ihm. Was in dem Zimmer geschieht, macht Petra J. krank, zeitlebens. Heute, mehr als 50 Jahre später, hofft sie noch immer, die Wahrheit zu finden, vielleicht so etwas wie Gerechtigkeit, bestenfalls sogar ihren Seelenfrieden. Schließlich ist sexueller Missbrauch in Kinderheimen - auch der ehemaligen DDR - längst kein Tabu-Thema mehr. Die Suche bringt die Berlinerin nach Mecklenburg zurück.

Dort, in Parchim, wurde sie im Juni 1951 geboren. In kurzem Abstand bekommen die Eltern noch zwei Söhne. Die Familie zerbricht Ende Oktober 1954, als Vater und Mutter zeitgleich verhaftet werden, er in Berlin, sie zu Hause in Parchim. Wegen Spionage, so werden es die Kinder viel später erfahren. Statt zur Großmutter kommen Petra (3 Jahre), Kurt (2) und der erst wenige Wochen alte Wolfgang ins Heim, zunächst nach Mestlin bei Parchim, dann nach Kuhstorf in der Nähe von Hagenow. Um die Weihnachtszeit 1957 kehrt die Mutter aus der Haft zurück, der Vater bleibt zehn Jahre in Bautzen. Der Rückweg zu einem normalen Familienleben bleibt ihnen verwehrt. Petra heiratet jung, bekommt zwei Töchter, reist Anfang der 1980er-Jahre nach Westberlin aus. Die Ehe scheitert, nicht zuletzt weil die Frau unter massiven psychischen Problemen leidet. Vier Suizidversuche hat sie hinter sich. Ärzte diagnostizieren eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung, Bulimie, mittelgradige Depressionen mit Angstattacken. Seit einigen Jahren lebt Petra J. in einer "körperkontaktfreien Beziehung zu einer Frau", wie ihr Therapeut Michael von Cohn schildert.

Er hat seine Patientin begleitet bei der Rückkehr in die Vergangenheit. "Sie erinnert sich daran, wie sie aus dem Garten noch oben ins Haus gerufen wird, ins Arztzimmer. An einen Mann mit Brille und Schnauzbart, hageres Gesicht. An einen weißen Kittel über dem Anzug", sagt von Cohn. Auf dem Schreibtisch soll ein Arzt das Kind vergewaltigt haben. Es ist kaum sechs Jahre alt.

In Mestlin steht das frühere Kinderheim leer, ein Flachbau ohne Treppen. Auch in Kuhstorf ist die Immobilie seit Jahren verwaist. Als die Berlinerin das rote Backsteinhaus mit dem Spitzdach betritt, steht sie am Schauplatz ihrer Albträume. "Es ist das Schlimmste, wenn so etwas an einem behüteten Ort passiert", sagt von Cohn und zitiert damit den schwersten Vorwurf seiner Patientin. Wie sie hatte er gehofft, dass sich nun weitere Türen in die Vergangenheit öffnen lassen. Bislang vergebens, weshalb er nun den Weg über die Zeitung nimmt. "Solange nicht klar war, warum wir uns nach dem Kinderheim erkundigt haben, fanden wir Unterstützung im Ort", sagt er. "Dann ganz plötzlich nicht mehr." Seine Befürchtung: Es könnte im Dorf-Idyll am Mut fehlen, unangenehme Kapitel der Geschichte zu entdecken.

Dabei finden sich auf der Internet-Seite der Gemeinde Kuhstorf (Landkreis Ludwigslust) Bilder und Informationen vom alten Kinderheim. Über politische Zwangseinweisungen sei bislang nichts bekannt, heißt es, jeder Hinweis darüber aber erwünscht. Nun hat Bürgermeister Rudolf Kuhla Hilfe zugesichert. Er war 1946 mit seinen Eltern als Kleinkind in den Ort gekommen und kann sich noch gut an die Heimkinder erinnern, zumal seine Mutter dort als Köchin tätig war. "Das war ein Reich für sich", sagt Kuhla, will aber Kontakt aufnehmen zu ehemaligen Erzieherinnen.

Landtag will missbrauchten Kindern aus DDR-Kinderheimen helfen

In einem interfraktionellen Antrag wollen die Regierungsparteien SPD und CDU, sowohl Linkspartei und FDP aus der Opposition sich im Landtag heute dafür aussprechen, missbrauchte Kinder, denen in DDR-Heimen Unrecht widerfahren ist, in MV insgesamt besser zu betreuen. Es sei nicht hinzunehmen, „dass die Opfer der DDR-Kinderheime als Opfer zweiter Klasse behandelt werden“, heißt es in dem Antrag. Für sie müsse eine Lösung gefunden werden, die dem 120-Millionen-Euro-Entschädigungsfonds gleiche, den der Bundestag für Opfer der Heimerziehung in der alten Bundesrepublik vor kurzem auf den Weg gebracht hat. Die Schweriner FDP hatte vor einem Jahr das Thema DDR-Heimerziehung auf die Landtagstagesordnung gehoben. In den Nordbezirken der DDR gab es 17 Jugendwerkhöfe und sechs Spezialkinderheime. Seitdem die öffentliche Debatte über sie vor etwa zwei Jahren entbrannt ist, haben sich 200 ehemalige Heimzöglinge gemeldet, die von Schikanen und sexuellen Übergriffen berichteten, heißt es bei der Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen, die für ehemalige Heimkinder Anlaufstelle ist.

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