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Lokales

20. September 2017 | 13:11 Uhr

Unter allen Wipfeln ist Ruh

vom

svz.de von
erstellt am 15.Okt.2010 | 07:45 Uhr

Wiligrad | Günther Lembcke sucht sein Grab. "Da hinten ist es", sagt er und zeigt mit dem Finger in Richtung See. Dann marschiert er los, einen kleinen Hügel hinab. Bei jedem Schritt über den nassen Waldboden schmatzt es unter seinen Schuhen. Zwischen den Blättern schimmert der See hindurch. "Hier", sagt der 82-Jährige nach ein paar Metern und bleibt vor einem Baum stehen. Sein Grab: Baum 126, Position 4. Mit Seeblick. "Ich habe mir Ruhe und Natur gewünscht - hier gibt es beides", sagt er. Schon vor drei Jahren haben der Seehofer und seine Frau sich ihre Grabstellen im Wiligrader Ruheforst "Waldfrieden am Schweriner See" reserviert. 99 Jahre dauert das Nutzungsrecht. Dass das Waldstück ein Friedhof ist, ist kaum zu erkennen. Der Begräbniswald soll eins sein mit der Natur.

Die beiden Rentner gehen oft in dem Wald spazieren

Seit der Reservierung kommt Lembcke mit seiner Frau oft nach Wiligrad. Dann gehen sie im Ruheforst spazieren, hinunter zum See. Auf der Bank, die ein paar Meter von ihrem Grab entfernt steht, setzen sie sich, genießen die Ruhe und schauen zum Baum hinüber, der einmal ihr Grab sein wird. Der Baum gehört zur Kategorie "unter 40 Jahre". Je älter der Baum, desto teurer die Grabstelle. "Ich habe nach oben geschaut und gesehen, dass der Baum gesund ist", erinnert sich Lembcke. Mit Pflanzen kennt er sich aus. Er ist promovierter Landwirt. Eine große Trauerfeier oder lange Reden wünscht er sich nicht. "Wenn weg, dann weg", sagt er und meint damit sich selbst.

Um jeden Baum herum gibt es zwölf Urnenplätze. In 90 Zentimetern Tiefe liegen die Urnen aus biologisch abbaubarem Material im Erdreich. Nach etwa einem Jahr hat sich die Urne zersetzt. Auf dem Lageplan von Friedhofsverwalterin Martina Köhler sind alle Positionen auf dem zwei Hektar großen Waldstück exakt vermessen und eingetragen. In ihrem Büro im Amt Lützow-Lübstorf hängt ein großer Plan des Waldes. Im Osten liegt der Schweriner See, im Süden die 1500-Seelen-Gemeinde Lübstorf. Manche Kunden kaufen nur ein Grab, andere gleich mehrere. "Es gibt auch Gruppen von Freunden, die zusammen gekegelt haben und auch im Tod zusammen sein wollen", sagt Monika Köhler.

Die Bestattung im Wald liegt im Trend. Möglichst noch in den kommenden Monaten möchte Monika Köhler das Areal Richtung Norden erweitern. Ihre Kunden haben unterschiedliche Motive, sich im Ruheforst beerdigen zu lassen. Ältere Menschen wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen, jüngere Kunden wollen frühzeitig vorsorgen, viele sind naturverbunden und mögen den Wald lieber als die traditionelle Friedhofsatmosphäre. Förster und Jäger gehören ebenfalls zu ihren Kunden, die im Schnitt um die 50 Jahre alt sind. Aber auch 20-Jährige schauen manchmal in ihrem Büro vorbei. "Obwohl das Thema Tod in unserer Gesellschaft oft verdrängt wird, denken heute viele Menschen daran, vorzusorgen", sagt Monika Köhler.

"Hier liegt schon einer", sagt Günther Lembcke und blickt zu einem Schild am Baum empor, auf dem der Name des Verstorbenen steht. Er selbst wünscht sich, noch einige Jahre zu leben. "89 möchte ich werden", sagt er bestimmt und schaut in die Ferne. Noch fühlt er sich nicht reif für die letzte Reise in den Wald.

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