Lübzer Malermeister sieht Rolle vieler Eltern bei der Erziehung kritisch : "Unsere Region blutet aus"

Diethard Grosser an der Europa-Karte: Überall dort, wo Fähnchen stecken, sind bzw. waren seine Leute präsent. ilja baatz
Diethard Grosser an der Europa-Karte: Überall dort, wo Fähnchen stecken, sind bzw. waren seine Leute präsent. ilja baatz

Auch Diethard Grosser, Inhaber des laut Berufsgenossenschaft größten Malerfachbetriebes Mecklenburg-Vorpommerns, bekommt so gut wie keine Bewerbungen mehr.

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06. Mai 2011, 06:53 Uhr

lübz | Auch Diethard Grosser, Inhaber des laut Berufsgenossenschaft größten Malerfachbetriebes Mecklenburg-Vorpommerns, bekommt so gut wie keine Bewerbungen mehr. Zwar hat er schon in den vergangenen Jahren personell vorgebeugt - bereits 1990 seien die geburtenschwachen Jahrgänge abzusehen gewesen - befürchtet jedoch trotzdem langfristig gesehen einen massiven Fachkräftemangel und kritisiert am Nachwuchs sinkende Arbeitsmoral. "Mein Beruf war nie überlaufen. Aber nicht allein, dass die nur noch raren Bewerber meistens gerade in Kunst und vielen Hauptfächern eine 4 vorlegen, in der Regel völlig artfremde Praktika etwa als Verkäufer absolviert haben, gar keinen Schulabschluss besitzen oder oft schon mehrere Lehren abgebrochen haben: Besonders das Allgemeinwissen und das Benehmen beim Verlassen der Schule sind immer mehr zum Weglaufen", sagt er. "Direkter Kontakt solcher Kräfte mit Kunden ist lange unmöglich." Eine zunehmende Zahl an Eltern verstehe offenbar nicht, dass sich der einst unumstößlich geltende Grundsatz, sie müssten der Schule "bei der Erziehung ihres Kindes zum sozialistischen Menschen lediglich helfend zur Seite stehen", nicht nur politisch leicht verändert, sondern komplett umgedreht habe, die Verantwortung also zu nahezu 100 Prozent bei ihnen liege.

Durch die Handwerkskammer wurde Grossers Unternehmen schon zwei Mal - 1999 und 2008 - für seine Lehrlingsausbildung ausgezeichnet. Rund 50 junge Leute hat er in zwei Jahrzehnten zu Fachleuten gemacht, von denen etwa zwei Drittel übernommen wurden. "Mit vielen hatte ich Glück. Es sind Spitzenkräfte, von denen ich niemanden missen möchte", so der Lübzer. "Aber auch auf der anderen Seite habe ich so ziemlich alles erlebt. Von morgens total besoffen mir lachend in die Arme torkeln über Diebstahl jeder Kategorie bis zum Wegbleiben nach drei Tagen, ohne ein Wort zu sagen. Ein anderes großes Problem: Junge Leute von allen Schulen lassen sich davon anstecken, nach der Schule unsere Region zu verlassen, so dass sie ausblutet. Wer sich hier bewirbt, darf es nicht laut sagen, weil er dann oft zum Gespött gemacht wird. Das habe ich selbst miterlebt und finde es überaus bedenklich." Auf den auch jüngst in der SVZ zitierten Hinweis des Unternehmerverbandes, dass Geschäftsinhaber nicht jammern dürften, sondern sich auf die veränderten Bedingungen einstellen sollten, erwidert Grosser fragend, was er machen könne: "Soll ich mich um die jungen Leute kümmern, weil es vor allem die Eltern oft nicht tun? Auf den größten Anteil zumindest der Handwerksbetriebe bezogen sind solche Ratschläge für mich blödes Geschnacke! Am besten, ich stelle noch Aushilfslehrer ein, damit die Berufsanfänger besonders in Mathematik und Deutsch besser werden - oder wie?"

Um den Malerberuf attraktiver zu machen, habe die Innungsversammlung beschlossen, dass für Auszubildende im dritten Lehrjahr seit April ein Brutto-Lohn von 635 statt bisher 468 Euro zu zahlen ist. "Die erhoffte Wirkung möchte ich bezweifeln", so Grosser dazu. "Außerdem ist die Neuerung gerade für kleine Betriebe fatal. So viel Geld verdient kein Lehrling."

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