Und nebenan schläft Honecker

Ein Mann und seine Kirche: Der Brunower Pfarrer Kornelius Holmer.Benjamin Piel  / Uwe Köhnke / Archiv
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Ein Mann und seine Kirche: Der Brunower Pfarrer Kornelius Holmer.Benjamin Piel / Uwe Köhnke / Archiv

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06. Mai 2011, 07:38 Uhr

Brunow / Lobetal | Es ist der 30. Januar 1990. Und es ist dunkel. Vor dem Pfarrhaus im brandenburgischen Lobetal fahren schwarze Limousinen vor. Zwei Menschen steigen aus, gehen zum Haus, klingeln. Kornelius Holmer öffnet die Tür. Vor ihm stehen zwei, die alles verloren haben: ihre Macht, ihre Karriere, ihre Villa, ihre Anhänger. Vielleicht auch ihre Hoffnung. Erst auf den zweiten Blick erkennt der 14-Jährige den alten Mann mit dem eingefallenen Gesicht und die bleiche Frau mit dem weißen Haar. Tausendmal schon hat er sie gesehen - in Schulbüchern, auf Konterfeien, im Fernsehen. Doch da sahen sie ganz anders aus. Der Glanz der Macht ist einer Aura der Niederlage gewichen. Vor Kornelius Holmer stehen Erich und Margot Honecker. "Guten Abend", sagt der Junge. "Guten Abend", sagen die beiden. Dann kommt Kornelius Holmers Vater Uwe und begrüßt die Gäste, die um Asyl im Pfarrhaus gebeten haben.

Feindesliebe: Vergebung auch für die Honeckers

Das Blatt hat sich gewendet in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Mauer ist weg, die Wiedervereinigung mit dem einstigen Klassenfeind steht kurz bevor. Und die Honeckers? Die will jetzt niemand mehr. Nicht einmal vier Monate zuvor hatten die beiden als mächtigstes Ehepaar der DDR noch den 40. Jahrestag des Staates gefeiert. Mit Paraden, Panzern, Prunk und Pomp. Blind für den Unwillen der Bevölkerung. Jetzt ist die Macht weg. Fast über Nacht. Obdachlos, mutlos, hoffnungslos sind die beiden. Ausgerechnet in die Arme der Kirche treibt die Honeckers ihre Flucht. In die Arme einer Institution, die den beiden immer ein Dorn im Auge war. Und diese Arme sind dank Uwe Holmer offen. Trotz jahrzehntelanger Gängelung. Trotz Bevormundung, trotz Benachteiligung, trotz Bespitzelung. "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", heißt es im Vaterunser. "Das gilt jedem - auch Erich Honecker", ist sich Uwe Holmer sicher. Das Credo des Pfarrers: "Friede kann nur da sein, wo Vergebung ist." Kein billiges "Schwamm drüber" will er, sondern tiefes Verzeihen. Und so findet sich der Ex-Staatsratsvorsitzende und Kirchenbekämpfer Erich Honecker am Abendbrottisch einer Pfarrersfamilie wieder. Tischgebet inklusive. "Amen", dieses Wort bringt der Kommunist aber wohl nicht über die Lippen.

Der Antikapitalist bringt Westshampoo mit

Im großen Pfarrhaus beziehen die Honeckers zwei Zimmer in der oberen Etage. Dort hat auch Kornelius Holmer sein Zimmer. Er wohnt Wand an Wand mit dem gestürzten Diktator. Wand an Wand mit den Menschen, die ihm Abitur und Studium verbieten wollten. Heute ist der Brunower Pfarrer 35 Jahre alt. Der blonde Mann erinnert sich noch gut an die Zeit mit den Honeckers. "Es waren spannende zehn Wochen", sagt er. Er teilte sich mit dem Ex-Diktatoren-Paar auch das Badezimmer. Westshampoo der Marke "Schauma" habe Honecker mitgebracht. "Ich glaube, ihm war nicht bewusst, wie paradox das eigentlich war", glaubt Holmer.

Nachdem die Anwälte Honeckers bei der Landeskirche Brandenburgs um Asyl gebeten hatten, sprach Uwe Holmer auch mit seiner Frau und seinen beiden noch im Haus lebenden Söhnen. "Er hat uns gefragt, was wir von der Idee halten und nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden - das rechne ich meinem Vater hoch an", sagt Kornelius Holmer. Der erste Gedanke des Jugendlichen war: "Dann können wir Erich Honecker mal die Meinung geigen." Die sanfte Antwort des Vaters: "Kornelius, wir sind Gastgeber."

Zuerst seien er und sein Bruder schüchtern gewesen. Immerhin hatten die Entscheidungen des Ehepaars seinen älteren Geschwistern Abitur und Studium verwehrt. Für Christen gab es in der DDR keinen freien Zugang zur Bildung. Doch mit den Wochen wich die Schüchternheit der Normalität. "Wenn ich aus der Schule kam, habe ich die beiden meist begrüßt", erinnert sich Holmer. Reaktion der Gestürzten: "Guten Tag, Kornelius." "Eigentlich war Herr Honecker ein ganz normaler Mann", meint Holmer. Herr Honecker - das klingt fast nach Respekt. "Er hat nicht den Diktator heraushängen lassen, sondern war zurückhaltend, bescheiden und freundlich", sagt Holmer. Margot Honecker habe im Pfarrhaus sogar die Treppe geputzt. Auch 35 Ost-Mark Miete zahlte das Ehepaar. Die Honeckers bestanden darauf.

Doch manchmal verließ den Pubertierenden der Respekt dann doch ein wenig. Dann drehte er seine Stereoanlage auf und hörte Udo Lindenbergs Song "Sonderzug nach Pankow". "Ich hab n Fläschen Cognac mit und das schmeckt sehr lecker, das schlürf ich dann ganz locker mit dem Erich Honecker und ich sag: Ey Honey, ich sing für wenig Money im Republik-Palast, wenn ihr mich lasst", heißt es in dem Lied. Ob sich Erich Honecker im Nebenzimmer die Ohren zuhielt - niemand weiß es. "Hallo Erich, kannst mich hörn?", fragt Lindenberg singend. Ja, dieses eine mal konnte er. Er hatte schließlich keine andere Wahl.

Schnell kommt heraus, wo Honecker Asyl gefunden hat. Und nicht alle waren mit dem versöhnlichen Kurs der Familie einverstanden. "Vor allem in der Anfangszeit gab es viele Proteste, manchmal standen da hunderte Menschen, einige schrieen ihren Unmut heraus", blickt Kornelius Holmer zurück. "Komm raus, du Sau", tönte es. Auch Journalisten umlagerten das sonst so stille Pfarrhaus. "Wie die Stasi", sagt Holmer und zwinkert mit den Augen. Ein bisschen sei Lobetal damals eine Art Wallfahrtort gewesen. Böse Briefe flatterten ins Haus. Auch Morddrohungen. Sogar Bombendrohungen gab es. Einmal räumte die Polizei das Haus. "Es war immer etwas los in dieser Zeit", sagt Holmer und blickt aus einem Fenster des Muchower Gemeindehauses hinauf in den stahlblauen Himmel. Als könne er dort die Bilder von damals erkennen.

Abschied in die Odyssee

Nach zehn Wochen kommt der Abschied. Es ist der 3. April. Wieder ein Dienstag. Für die Honeckers beginnt eine Odyssee. Das Ehepaar verlässt das Pfarrhaus und wird ins sowjetische Militärhospital nach Beelitz gebracht. Später wird Erich Honecker der Prozess gemacht. Doch da ist er schon todkrank und nicht mehr verhandlungsfähig. Anfang 1993 fliegt das Ehepaar ins chilenische Exil. Erich Honecker stirbt am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile. Margot Honecker lebt noch heute in der Hauptstadt von Chile. Sie ist 84 Jahre alt. Fast genauso alt wie Uwe Holmer (82). Er wohnt im mecklenburgischen Serrahn. Zu Weihnachten und zum Geburtstag bekommt er gelegentlich noch Post von Margot Honecker. Sein Sohn Kornelius hat nach den zehn Wochen unter einem Dach nichts mehr von ihr gehört. Doch eines hat er seitdem nie vergessen: "Vergebung soll nicht nur gelehrt, sondern vor allem gelebt werden."

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