Und alles wegen fünf Euro

Vorsichtig und ganz langsam versucht Helene Pienkny, wieder zu gehen.  Doch jeder Schritt ist schmerzhaft. Doris Ritzka
Vorsichtig und ganz langsam versucht Helene Pienkny, wieder zu gehen. Doch jeder Schritt ist schmerzhaft. Doris Ritzka

"Es ging alles blitzschnell", berichtet Helene Pienkny. Ein Jugendlicher will ihr den Einkaufsbeutel entreißen. Ehe sie sich versieht, liegt sie am Boden, kann sich vor Schmerzen kaum noch bewegen.

von
04. Dezember 2008, 07:40 Uhr

Perleberg | Es ist der 25. November gegen 12.30 Uhr. Auf dem Großen Markt wird gerade der Weihnachtsbaum aufgestellt. Auch Helene Pienkny will kurz mal schauen. Ums Handgelenk einen kleinen Einkaufsbeutel gewickelt, schlendert sie an der Sparkasse vorbei, nichts Böses ahnend. "Schließlich war es helllichter Tag und für Perleberger Verhältnisse waren etliche Menschen unterwegs", erzählt sie, während sie versucht, sich im Krankenbett vorsichtig aufzurichten. "Es tut alles noch höllisch weh."

Plötzlich will ein Jugendlicher ihr den Beutel entreißen, zerrt an ihrem Arm mit voller Wucht. Die zierliche Frau geht zu Boden. Vor Schmerzen kann sie sich kaum bewegen. Der vermeintliche Dieb hingegen sucht sein Heil in der Flucht.

Doris Kuhns von der Prignitz-Apotheke ist gerade auf dem Weg zur Arbeit, als ihr die 73-Jährige sprichwörtlich in die Hacken fällt. "Sofort versucht sie mir aufzuhelfen und mich zu stützen", so Helene Pienkny. "Ich höre noch immer wie die Frau sagt, ich habe mir was gebrochen", berichtet Doris Kuhns. Heike Kodlin, sie arbeitet als Erzieherin in der Awo-Kita, packt auch sofort mit zu. "Ich vernahm einen Schrei, etwas huschte an mir vorbei und dann sah ich Frau Pienkny auch schon fallen", erzählt sie. Eine Perlebergerin, sie arbeitet im Orthopädiegeschäft Wegner, versucht dem Langfinger auf den Versen zu bleiben, verliert ihn aber dann doch.

Behutsam bringen die Frauen die Verletzte in die Sparkasse. "Minuten später war ich schon im Rettungswagen", erinnert sich die 73-Jährige. Der Schreck sitzt ihr in den Knochen, der ganze Körper schmerzt, dennoch versucht sie, den Polizeibeamten den Angreifer zu beschreiben - so gut es ihr möglich ist. "Ich weiß nur noch, er trug einen Anorack mit Kapuze und war noch kleiner als ich. Zwischen 11 und 14 Jahren habe ich ihn geschätzt." Auch Passanten haben den versuchten Raub beobachtet und können eine ziemlich gute Täterbeschreibung liefern. So kann tags darauf ein 14-Jähriger gestellt werden, der sich auch geständig zeigt.

Helene Pienkny kommt ins Krankenhaus. Das Röntgenbild zeigt einen Schambeinbruch, eine langwierige und auch schmerzhafte Angelegenheit. Heike Kodlin benachrichtigt inzwischen Herrn Pienkny, der zuhause schon ganz ungeduldig mit dem Kaffee auf seine Frau wartet. "Meinem Mann fuhr der Schreck in die Glieder. Wir betreiben einen Wachdienst und da rechnet man nie und nimmer damit, dass man selbst mal überfallen wird. Schon gar nicht am helllichten Tage."

Während sich im Krankenhaus Ärzte und Schwestern rührend um die Perlebergerin kümmern, muss ihr Mann nun alleine fertig werden. "Leicht fällt ihm das bestimmt nicht, dafür habe ich ihn zu sehr verwöhnt", plaudert sie ein wenig aus dem Nähkästchen. Wenn alles gut geht, kommt sie heute nach Hause, denn der Bruch muss von allein heilen. Es fällt ihr aber sichtbar schwer, auf die Beine zu kommen. "Ich will und ich muss", sagt sie sich dann. Es dauere nur etwas länger und ohne ihr Auto, wie sie fast schon liebevoll den Rollator nennt, geht es noch gar nicht. "Es waren eigentlich nur Sekunden, die mir nun aber womöglich ein halbes Jahr rauben. In meinem Alter fällt das schon ins Gewicht." Und alles wegen fünf Euro, denn mehr hatte Helene Pienk ny nicht in dem kleinen Portmonee im Beutel.

Bei allem Unheil, das der 73-Jährigen widerfuhr, ist sie zugleich auch überaus dankbar. "Ich habe erfahren, dass es immer noch Menschen gibt, die einfach helfen, wenn jemand in Not ist. Frau Kuhns hat mich sogar im Krankenhaus besucht, mir Blumen und selbstgebackene Plätzchen gebracht." So etwas findet man wohl auch nur in einer kleinen Stadt wie Perleberg, wo jeder jeden irgendwie kennt, man nicht in der Anonymität verschwinde, ist sich Helene Pienkny sicher.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen