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Lokales

26. September 2017 | 00:30 Uhr

Über Katastrophe in Japan schockiert

vom

svz.de von
erstellt am 16.Mär.2011 | 06:49 Uhr

lübz/ Fukushima | Ohne es sofort richtig zu deuten, erlebt Wolfgang Sucher aus Lübz am 11. Mai 2008 in Fukushima gegen 13.30 Uhr Ortszeit sein erstes Erdbeben. Im zehnten Stock des Hotels vibriert plötzlich der Boden. "Es fühlte sich so an, als wenn zuhause ein großer Lastwagen auf schlechter Straße dicht und schnell am Haus vorbeifährt - unangenehm, aber nicht bedrohlich", berichtet er. "Erst beim zweiten Gedanken wurde mir bewusst, wie weit meine Frau und ich von der Erde entfernt sind. Dann verstand ich auch, warum zwei ältere Frauen neben uns leicht in Panik gerieten. Sie wussten sofort, was los ist, aber nicht, was sich eventuell noch entwickelt." Damals blieb es ruhig.

Wolfgang und Silvia Sucher engagieren sich im Kultur-, Jugend- und Bildungsverein mit dem Deutsch-Japanischen Freundschaftskreis Lübz-Mecklenburg e. V. 2008 fliegen beide nach Japan und erfüllen sich damit einen Lebenstraum. Nach einem 25-stündigen Flug mit Zwischenlandung in Moskau besuchen sie in gut einer Woche zahllose Sehenswürdigkeiten, was vor allem die nach ihrem Eindruck schier grenzenlose Gastfreundschaft ermöglicht. "Noch heute gewinne ich beim Betrachten der vielen Fotos immer wieder neue Eindrücke", sagt der Lübzer. Der damals 24-jährige Hidetoschi Kikudu - er hatte ein halbes Jahr lang in Berlin gelebt - begleitet die Deutschen am vierten Tag ihres Aufenthaltes in die rund drei Millionen Einwohner zählende, durch die jetzige Katas-trophe mit am schlimmsten betroffene Stadt Sendai. Wolfgang Sucher beim Blick auf die von ihm aufgenommenen, abgespeicherten Digitalfotos: "Alles weg, nur noch Erinnerung." Weitaus schlimmer als jetzt wäre das Entsetzen gewesen, wenn er noch persönlichen Kontakt wie in den ersten Monaten gehabt hätte.

Später bebte die Erde im Beisein von Akimitsu Kizaki, Professor für Deutsch an der Ingenieurhochschule in Fukushima und Begleiter der Lübzer in den ersten drei Tagen, ein zweites Mal. Suchers Eindruck vom Verhalten des Gelehrten: "Er hielt inne, zeigte - so sehe ich es - Respekt, obwohl die Vibration nicht übermäßig stark war. Ein Grund ist, dass die Älteren bewusster mit der Gefahr umgehen."

Die in Deutschland gezeigten Nachrichten seien dahingehend verwirrend, dass man glaube, das Atomkraftwerk (AKW) stehe in unmittelbarer Nähe zur Stadt Fukushima. "Dabei liegt sie weit im Landesinneren. Ihr Umfeld, eine große Präfektur, trägt denselben Namen. Rund um das AKW befindet sich ein weiträumiger Sperrbezirk", sagt Sucher. Ohne 2008 auch nur im entferntesten die jetzige Katastrophe vorhersehen zu können, spricht er Einheimische schon damals unter anderem auf die überall sichtbaren Elektro-Installationen an, deren Aussehen "einem zu denken geben" (Sucher war zeitweise unter anderem bei der Telekom mit der Sanierung von Kabelschächten beschäftigt). Die eindeutige, von viel Kritik begleitete Antwort: Der japanische Staat besitze im Energiebereich das Monopol und sei darauf aus, mit wenig Ausgaben möglichst viel Geld zu verdienen. "Es war ein Zwispalt für mich. Einerseits nahezu überall peinlichste Sauberkeit in einem grundsätzlich betrachtet hochtechnisierten Land und dann so etwas", sagt der Lübzer. "Daraus kann ich keine Aussagen über die Zustände in den Kraftwerken ableiten, aber unabhängig davon hätte wohl niemand gedacht, dass es jemals so schlimm kommt wie jetzt. Und wenn jetzt hierzulande die Diskussion über Atomkraft aufflammt, ist das richtig, aber leider wird sie aus meiner Sicht zu Wahlkampfzwecken ausgenutzt."

Sucher, der momentan als Taxifahrer arbeitet, hat Nachtschicht, als er Freitagnacht zum ersten Mal von der Katastrophe hört und die Nachrichten kaum glauben kann. Für ihn steht fest: "Japan wird künftig nicht mehr so sein wie vorher."

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