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Lokales

23. September 2017 | 11:19 Uhr

Trotz übler Verkaufstricks freigesprochen

vom

svz.de von
erstellt am 03.Jun.2010 | 07:34 Uhr

Schwerin | Die alte Dame hatte noch nie Ärger mit der Justiz, doch ihr Wunsch nach einer neuen Heizung hat das geändert. Erst war sie selbst vom Ofen- und Kaminbauer Kago in einem Zivilverfahren verklagt worden, jetzt muss die 71-Jährige als Zeugin im Strafprozess gegen zwei ehemalige Vertreter jener Firma aussagen. Im Verfahren vor dem Amtsgericht Schwerin wird den beiden einstigen Mitarbeitern des oberpfälzischen Unternehmens Betrug und uneidliche Falschaussage vorgeworfen.

Sie sollen Kunden übers Ohr gehauen und im Zivilverfahren als Zeugen falsche Angaben zu den Verkaufspraktiken gemacht haben. So wie der alten Dame und ihrem Ehemann ging es mehreren Kago-Kunden aus der Region und deutschlandweit.

Die Geschichte reicht einige Jahre zurück: Das Rentnerpaar aus Güstrow wollte eine neue Heizung haben. Die Werbeprospekte von Kago, die eines Tages ins Haus flatterten, kamen ihnen da gerade recht. Das Unternehmen hatte bei Parchim eine Filiale. Dorthin lud die Firma alle Interessenten zur Besichtigung der Verkaufsausstellung ein, Beratungsgespräche inklusive.

"Wir wollten nur einen Kostenvoranschlag"

"Das Geld war knapp. Deshalb wollten wir eigentlich nur einen Kostenvoranschlag. Nach dem Gespräch haben wir uns schon gewundert, warum wir dafür unterschreiben mussten", erinnert sich die Zeugin. Erst zu Hause, so sagt sie nun vor Gericht, hätten sie gesehen, dass es sich um einen "verbindlichen Kaufvertrag" handelte. Den hätten sie nun gerne wieder rückgängig gemacht. Doch da bissen sie auf Granit. Der Kaminbauer bestand auf Einhaltung des Vertrages und verlangte entsprechend rund 7000 Euro von den Rentnern. Die wandten sich an die Verbraucherzentrale. Dort waren schon mehrere Beschwerden gegen den Ofenbauer eingegangen. Der blieb hart und verklagte alle Kunden auf zivilrechtlichem Weg auf Einhaltung der Verträge. Und bekam nahezu ausnahmslos Recht.

Die Firmen-Vertreter erklärten jeweils, dass es sich nicht um Beratungs-, sondern um Verkaufsgespräche gehandelt habe. Und schließlich steht auf dem Papier, das die Kunden unterschrieben, das entscheidende Wort: "Kaufvertrag". In den Augen der Justiz wasserdichte Verträge. Doch wie sie zustande kamen, ist umstritten.

Kago, benannt nach Firmengründer und Familienunternehmer Karl-Heinz Kago, stand schon länger wegen fragwürdiger Verkaufspraktiken in der Kritik. Von "üblen Drückermethoden" war in Presseberichten zu lesen. Demnach nutzten psychologisch geschulte Handelsvertreter das Interesse gutgläubiger Kunden, die sich offenbar nicht immer der Tragweite ihrer Unterschrift bewusst waren.

Moralisch verwerflich, juristisch in Ordnung

Oft kamen die Käufer nur durch hohe Abstandszahlungen wieder aus ihren Verträgen heraus. Das mag moralisch verwerflich sein. Juristisch aber, so meinen auch die Schweriner Richter, ist Kago kein Fehlverhalten nachzuweisen. Die beiden Vertreter werden freigesprochen. Das Unternehmen hat in Bayern Insolvenz angemeldet.

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